Eine Publikation der Binkert Medien AG
Ausgabe 06/2017, 13.06.2017

Lebensmittelbetrug: So schützen Sie sich davor

Lebensmittelbetrug ist so alt wie die Menschheit. Ebenso alt sind auch die Bemühungen, sich davor zu schützen. Auch wenn sich betrügerische Machenschaften mit Analytik nicht aufdecken lassen, gibt es einige Massnahmen, die Unternehmen zum Schutz ergreifen können.

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Eine Methode, um sich als Lebensmittelproduzent vor Betrügereien, etwa durch Lieferanten und Vorproduzenten zu schützen, ist die Auditierung. Mit einem Besuch vor Ort bekommen Geschäftspartner sehr viel mehr Einblicke und können so herausfinden, was das Unternehmen eigentlich so macht. Doch dabei ist es wichtig das Audit mit einem qualifizierten Team zu machen, das die Prozesse genau kennt und eventuelle Abweichungen schnell erkennen kann. Doch der Fachmann rät auch hier zur Achtsamkeit. Das Auditorenteam soll alles sehen dürfen und der Besuch muss unangekündigt sein. «Bei einem angemeldeten Audit könnte das Unternehmen im Vorfeld verräterische Spuren beseitigt und die Prozesse für diesen einen Tag angepasst haben. So ist ein unangemeldetes Audit immer vorzuziehen. Das bedarf jedoch eines gehörigen Fachwissens, ausgeprägter lebensmitteltechnologischer Verfahrenskenntisse und einer ausgereiften Fragetechnik, um bewusst kriminell herbeigeführte Verfälschungen aufzudecken. Mit dieser Vorgehensweise ist die Wahrscheinlichkeit, Abweichungen zu erkennen sehr viel grösser, als am Ende des Produktionsprozesses im fertigen Produkt nach Spuren unerlaubter Substanzen oder Zutaten zu suchen», so der Experte.

Unangekündigte Besuche gehören heutzutage zum guten Ton und haben nichts mit Food Fraud zu tun. Die Häufigkeit der Besuche von Lieferanten richtet sich nach potenziellen Gefahren, die vom Produkt ausgehen können. Wenn ein Unternehmer hygienisch sensible Produkte einkauft, wie etwa Rohstoffe für Babyfood, sind häufigere Besuche ratsam. Bei einfach und hygienisch stabilen Produkten, bei denen mikrobiologisch nichts passieren kann, sind Besuche alle zwei oder drei Jahre ausreichend. Bei einem neuen Lieferanten ist es angebracht vor der ersten Lieferung vor Ort zu gehen. Doch auch das hat in erster Linie nichts damit zu tun, dem Lieferanten Betrug zu unterstellen. Es geht vielmehr um die Vergewisserung, dass die Produktion gemäss der vorgegebenen Spezifikation abläuft und dass der Stand der Technik der Produktion angepasst ist.

Eine Gefahr bergen unangekündigte Audits dennoch. Sind beispielsweise Qualitäts- und Hygienebeauftrage am Audittag nicht im Haus, kann es sein, dass das Unternehmen wichtige Fakten falsch darstellt, was zu einem nachteiligen Ergebnis führen kann. Daher sind Lebensmittelproduzenten aufgefordert, in die Verfügbarkeit von Wissen zu investieren und es auf verschiedene Personen zu verteilen. Damit lässt sich das Lebensmittelsystem jederzeit komplett darstellen.

Eines muss aber klar sein: Mit Audits lassen sich Betrugsfälle selten aufdecken, doch sie erschweren die Bedingungen dafür erheblich. Allerdings ist die Lebensmittelsicherheit ohnehin viel wichtiger. Denn deutlich häufiger als auf kriminelle Machenschaften stossen Auditoren auf Verderb, Fremdkörper im Lebensmittel, defekte Verpackungen oder pathogene Keime.

Unterstützung gegen Food Fraud von BRC und IFS.

Die bekannten Standards BRC und IFS haben das Thema Food Fraud ebenfalls aufgenommen. Die Authentizität von Lebensmitteln und die lückenlose Rückverfolgbarkeit spielen eine wichtige Rolle bei der Erkennung und Verhinderung von kriminellen Manipulationen und Verfälschungen. «Alle Standards haben inzwischen ein Modul, das die Auditoren auffordert, betrügerische Aktivitäten zu hinterfragen. Und zwar sowohl beim Lieferanten der zertifiziert ist als auch bei dessen Zulieferer. So sollten Auditoren fragen, wie der Produzent bei seinem Zulieferer sicherstellt, dass er nicht betrogen wird. Hier müssen wir immer in Betracht ziehen, dass nicht der direkte Lieferant betrügt, sondern dass es sein kann, dass der Betrug schon bei einem Vor-Vor-Vor-Lieferanten gewesen ist. Diese Ergänzungen sind übrigens erst seit dem Pferdefleischfall 2013 als Module in den BRC- und IFS-Standards enthalten», sagt Ulrich Nöhle.

Whistleblowing.

Wer bewusst betrügen will, weiss genau, wo er ansetzen muss. Damit lassen sich kriminelle Handlungen durch Analytik kaum aufdecken. Dass Betrugsfälle dennoch ans Tageslicht kommen, ist oft Whistleblowern zu verdanken, wie das Beispiel des Bündner Fleischlieferanten Carna Grischa vor rund drei Jahren zeigt. Hier hat ein Betrieb bewusst über eine Zeitspanne von zehn Jahren systematisch seine Kunden betrogen. Mitarbeiter haben argentinisches Rindfleisch kurzerhand «eingebürgert», Pferdefleisch als Rindfleisch verkauft, ungarisches Poulet zu schweizerischem Geflügelfleisch gemacht und auch Verfallsdaten auf Verpackungen geändert.

Experten wie Ulrich Nöhle raten bei Entdecken von Unstimmigkeiten in erster Line den Vorgesetzten anzusprechen und die Firmenleitung zu informieren. «Im besten Fall ist dieser für die Information dankbar und stellt das Problem ab. Wenn aber der Geschäftsführer das Problem ist, weil er die Machenschaften angeordnet hat, dann bleibt nur der Weg nach aussen. So können sich betroffene Mitarbeiter an die amtliche Überwachung oder einen Anwalt wenden oder zur Polizei und den Zoll gehen», sagt der Lebensmittelchemiker. Whistleblower gehen auch oft zur Presse und überlassen es diesen, den Betrug publik zu machen.

So auch im Falle von Carna Grischa. Da hier die Geschäftsleitung ordentlich die Finger im falschen Spiel hatte, wandte sich der Mitarbeiter, der diesen Betrug aufdeckte, an einen Anwalt und spielte der Presse ein internes Papier mit aussagekräftigen Informationen zu.

Aufgeschlossene Unternehmen bieten von sich aus Whistleblower-Hotlines an. Da gelangen die Meldungen meistens zu einem externen Anwalt oder Notar, der dann die Firmenleitung auf die jeweiligen Umstände aufmerksam macht.

Whistleblowing birgt aber in sich eine Gefahr und zwar dann, wenn Personen absichtlich etwas anprangern, was gar nicht stimmt, nur um dem Unternehmen oder dem Vorgesetzten Schwierigkeiten zu machen. Dennoch ist der Aufbau einer firmeninternen «business intelligence» lohnenswert.

Das können Unternehmen gegen Food Fraud tun.

Der Lebensmittelchemiker Ulrich Nöhle empfiehlt Unternehmen schon aus Eigeninteresse, um nicht von Lieferanten betrogen zu werden, folgende Anforderungen an die Einkaufsfunktion und an das Qualitätsmanagement zu stellen:

  • «Machen Sie verfahrensbezogene Audits bei Lieferanten über alle Stufen der Herstellung und ergänzen Sie diese durch Hygienebesichtigungen.
  • Die Audits sollten unangemeldet sein, auch in Drittländern und bei Vorlieferanten.
  • Bei den Audits soll auch der Urspungsort der Erzeugung einbezogen sein.
  • Verstärken Sie Authentizitätsprüfungen bei Rohstoffen, Halbfabrikaten und Fertigwaren über alle Stufen der Produktion.
  • Nehmen Sie Einsicht in primäre Qualitätskontrollprotokolle bei Ihren Lieferanten und nicht nur in die verdichteten, sekundären EDV-Ausdrucke.
  • Etablieren Sie eine firmeninterne business intelligence.»

Massnahmen wie Audits und die Sicherstellung der Authentizität aller Produkte eignen sich zur Gestaltung einer Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Damit haben Unternehmen grosse Chancen, sich vor betrügerischem Verhalten zu schützen. Es wird zwar eine Herausforderung sein, Audits vor allem in Drittländern unangemeldet durchführen zu können, doch auf lange Sicht werden sich diese Bemühungen auszahlen.


Weitere Informationen:
Prof. Dr. Ulrich Nöhle
www.noehle.de



Kleine Ursache grosse wirkung

Ein einfaches Rechenbeispiel zeigt, von welchen Ausmassen hier auszugehen ist. Weicht der Fettgehalt eines Produkts von beispielsweise 20 Prozent Fett um nur 0,2 Prozent absolut bei einem Fettpreis von 2 EUR/kg und einer Jahrestonnage von 20 000 Tonnen ab, so ergibt sich ein Mehrgewinn von 80 000 EUR brutto nur für dieses eine Produkt bezogen auf einen Parameter und eine Jahrestonnage. Würde ein Unternehmen es darauf anlegen, gleich mehrere Produktparameter mehrerer Produkte seiner Produktionspalette mit betrügerischer Absicht zu verändern, ist bei den heute üblichen Produktionsvolumina ein Mehrgewinn im siebenstelligen Bereich zu erwarten.

Nöhle, Food Fraud: Lebensmittelbetrug aus naturwissenschaftlicher Perspektive.