Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 05/2018, 08.05.2018

Die SGLWT zu Besuch bei Coops grösstem Coup

Mit 600 Millionen Franken hat Coop in den letzten fünf Jahren am Standort im aargauischen Schafisheim ordentlich investiert. Das Ergebnis lässt sich sehen, wie eine Betriebsführung im Anschluss an die GV der SGLWT zeigt. Im Zentrum stehen eine durchdachte Backwarenproduktion, das nationale Tiefkühllager und eine ausgeklügelte Logistikdrehscheibe.

Autor: Pieter Poldervaart

Die ordentlichen Traktanden einer Vereinsversammlung bewegen selten die Gemüter. Doch dass das bekannte Prozedere auch keinen Anlass zum Gähnen geben muss, bewies Marc Lutz, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Lebensmittel-Wissenschaft und -Technologie (SGLWT): Effizient führte er am 13. April während der Generalversammlung (GV) in der neuen Coop-Verteilzentrale Schafisheim durch die obligatorischen Wahlen und präsentierte Jahresbericht und -rechnung. Dass diese Art, die statutarischen Pflichten zu erfüllen, geschätzt wird, zeigte die rekordhohe Anmeldung von nicht weniger als 124 Mitgliedern. Zum grossen Interesse trugen vermutlich auch die beiden informativen Referate und die Betriebsbesichtigung im Anschluss an die GV bei.

Erneuerter Vorstand

Sämtliche ordentliche Traktanden wurden einstimmig angenommen. Erfreulich ist, dass die Jahresrechnung nach zwei Verlustjahren mit einem kleinen Plus von 1566 Franken abschliesst, wobei Aufwand und Ertrag je 27 000 Franken über dem Budget lagen. Die Gründe für die höheren Ausgaben lagen bei der Durchführung des Sensorik-Symposiums der IG Sensorik und dem PCQI-Kurs. Daneben gab es infolge eines Softwarewechsels für die Mitgliederverwaltung einen zusätzlichen Aufwand für die Stammdatenpflege. 2019 wird deshalb wieder in gewohntem Rahmen budgetiert, zudem besteht mit einem Eigenkapital von 130 000 Franken eine gesunde Basis. Weiter positiv zu vermelden sind die erhöhten Einnahmen durch Stelleninserate dank der neuen Webseite. Immer mehr der aktuell 741 Mitglieder abonnieren den Newsletter, rund 70 Personen sind Mitglied in der IG Sensorik, wie die Koordinatorin Annette Bongartz Kohli ausführte. Mehrere Wechsel gab es im Vorstand der SGLWT: Janine Anderegg (Kassierin), Roberto Axelroth (Studierendenvertreter) und Thomas Bühler (Vizepräsident) traten zurück und wurden herzlich verabschiedet. Neu dabei sind Edouard Appenzeller und Klara Hauser (Studierendenvertreterin). Marc Lutz wurde als Präsident bestätigt, das Amt des Vizepräsidiums wird an der ersten Vorstandssitzung nach der GV festgelegt.

Heizen mit Getreiderückständen

Nach dem statutarischen Teil informierte Standortleiter Domenico Repetto über die imposante Anlage in der Coop-Verteilzentrale Schafisheim, in der die Jahresversammlung statt fand. Ein Drittel der insgesamt 4600 Coop-Logistiker arbeiten an diesem Standort. Ein wichtiges Element des Grossprojekts, das erst in den kommenden Monaten komplett abgeschlossen sein wird, ist das Hochregallager mit einer darunterliegenden Bahnhalle.

Ebenfalls in Schafisheim integriert ist das Coop-Tiefkühllager (TK), aus dem die ganze Schweiz versorgt wird, sowie eine Grossbäckerei und -konditorei. Die Energie stammt grösstenteils aus einer Biomassezentrale, die mit Holzschnitzel und Getreiderückständen aus der Zürcher Grossmühle Swissmill versorgt wird. «Diese Art der Energieerzeugung trägt zur Erreichung des Ziels bei, bis 2023 ein CO₂-neutrales Unternehmen zu werden», so Repetto. Neben der Bereitstellung des 290 Grad heissen Thermoöls, das als Medium die Backöfen mit Hitze versorgt, produziert die Biomassenzentrale Dampf und Brauchwasser sowie Raumwärme.

Kommissionieren statt lagern

Auf der Besichtigungstour durch das Verteilzentrum und die Grossbäckerei erhielten die SGLWT-Mitglieder einen Eindruck, wie heute effizient Güter kommissioniert werden. Prunkstück ist das Tiefkühlautomationslager, wo sämtliche Coop-Tiefkühlprodukte umgeschlagen werden. Die automatisierte Anlage wird von bloss 30 Personen bedient. Ausgeklügelt ist auch die Kommissionierung der gekühlten Produkte: Nach der Anlieferung am Nachmittag werden die Paletten händisch von der Schrumpffolie befreit, danach geht es automatisch in das auf vier Grad gekühlte Kurzzeitlager. Kleine, schienengeführte Gefährte, sogenannte Shuttle-Power, entladen die Paletten, das Verfahren wird in der Fachsprache «vereinzeln» genannt. Liegen die Bestellungen der einzelnen Filialen vor, holen die Shuttle-Power die entsprechenden Trays ab und stapeln sie in Rollbehälter. Diese werden anschliessend als Ganzes im ebenfalls gekühlten Lastwagen-Beladungsraum bereitgestellt und frühmorgens in die jeweilige Filiale geliefert – die Verweildauer eines Joghurts ist selten länger als zehn Stunden. Die Ladeautomatik stellt nicht nur die richtigen Produkte zusammen, sondern achtet auch bei der Reihenfolge der Beladung, dass Schweres wie Milchkartons unten, delikate Joghurtbecher hingegen zum Schluss geladen werden.

Stillstand darf nicht sein

Eindrücklich sind auch die beiden oberen Stockwerke mit der Grossbäckerei respektive -konditorei. Ihr Ausstoss versorgt 40 Prozent der Coop-Filialen, entsprechend dramatisch wären die Folgen, wenn es zu einem ungeplanten Stillstand käme. «Schon nach einem halbstündigen Totalausfall wäre die Auslieferung am Folgetag gefährdet, und Ersatz kann so kurzfristig unmöglich beschafft werden», erklärte Thomas Meierhans, Leiter Technik Verkaufsregion Nordwestschweiz-Zentralschweiz-Zürich. Um eine solche Situation zu vermeiden, wurden einerseits die technischen Systeme möglichst redundant geführt. Zum andern baut Meierhans ein Ersatzteillager auf, das mittlerweile einen Wert von mehreren Millionen Franken hat und auf das auch andere Coop-Verteilzentralen gelegentlich zugreifen. «Kommt es zum Ausfall einer produktionstechnisch entscheidenden Maschine, zählt jede Minute», sagte Meierhans.

Holzofenbrot im Trend

Mit der Grossbäckerei mit ihren zwölf Backlinien hat Coop ein eigentliches Inhousing umgesetzt. Statt wie früher nur die gefragtesten Sorten selbst zu produzieren und den Rest von Dritten zuzukaufen, wurde das Know-how für zahlreiche Brotspezialitäten aufgebaut. Das wichtigste Beispiel ist das Tiefkühlen von Teiglingen, die nur zu 80 Prozent ausgebacken und erst in der Filiale fertig gebacken werden. Die Nachfrage nach solchen Broten nimmt stetig zu. Beispielsweise wird auch das Holzofenbrot, das in Schafisheim mit Schweizer FSC-Holz in den grössten Holzbacköfen der Schweiz entsteht, heute komplett tiefgefroren. Aufgrund der grossen Nachfrage werden demnächst zwei weitere Linien installiert, die Holzofenbrot für den Frischverkauf erzeugen werden.

Tiefkühlkette bringt Frische

Wurden früher die tiefgefrorenen Teiglinge von einem Drittanbieter eingekauft, bei Coop zwischengelagert und dann in die Filialen ausgeliefert, entfällt heute der erste TK-Transport. «Dadurch reduzieren wir die Tiefkühltransporte und sparen Kosten sowie CO₂-Emissionen», sagt Meierhans. Zusätzlich verbessert sich die Qualität des fertigen Brots, weil der Transport kürzer wird und Coop den ganzen Prozess unter Kontrolle hat. In Schafisheim wird das für den TK-Bedarf produzierte Brot nach dem teilweisen Ausbacken in Kühlschnecken heruntergekühlt und anschliessend schockgefroren. Weil die Kerntemperatur aber noch nicht bei den nötigen minus 32 Grad liegt, beträgt die Verweilzeit im Tiefkühlhaus mindestens drei Tage. Inzwischen wird die Hälfte des in Schafisheim gebackenen Brots als Aufbackware produziert, Tendenz steigend. Die Bedeutung eines anderen Trends, die Filialbäckerei, relativiert Meierhans: «Ein solches Marktstandfeeling bedient vor allem das Einkaufsgefühl. Relevante Mengen können so aber nicht fabriziert werden.»

Fingerspitzengefühl gefragt

Rund 100 Personen arbeiten im technischen Team, das all die Prozesse in Schafis-heim am Laufen hält, darunter etwa auch Automationsspezialisten. Wie vernetzt Produktion und Logistik sind, machte Meierhans am Beispiel der Wärmerückgewinnung deutlich. Diese wurde möglichst umfassend umgesetzt und trägt dazu bei, den Energiebedarf tief zu halten. Doch diese Bemühungen haben auch ihre Tücken: Muss eine Maschine wegen Problemen kurzfristig ausser Betrieb genommen werden, fehlt deren Abwärme – und damit fehlt irgendwo Energie. Meierhans: «Das eng vernetzte Energiesystem muss deshalb besonders sorgfältig gesteuert werden.»

SGLWT www.sglwt.ch



Der neue Vorstand der SGLWT (von links): Beat Bachmann, Marie-Louise Cezanne, Patrick Bürgisser, Dr. Jeannette Nuessli Guth, Dr. Marc Lutz, Dr. Alain Sierro, Dr. Wilfried Andlauer, Edouard Appenzeller und Klara Hauser. (Bilder: Norbert Heim)


Die 66. Generalversammlung der SGLWT: 124 Mitglieder haben sich angemeldet.