Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 01/2006, 01.03.2006

Besser Schäfchen zählen

Das Hormon Melatonin, das in der Epiphyse, einer erbsengrossen Struktur in der Tiefe des Gehirns, gebildet wird, ist angeblich ein Alleskönner. Es soll das Immunsystem stimulieren, die Nebenwirkungen von manchen Chemotherapien besser verträglich machen, vor Brustkrebs schützen und auch Alterungsprozesse hinauszögern. Millionenfach wird die Substanz inzwischen vor allem als Schlafmittel eingenommen.

Vielflieger möchten damit ihre Jet-Lag-Beschwerden lindern und Schichtarbeiter ihren unregelmässigen Schlaf-Wach-Rhythmus wieder ins Lot bringen. Womöglich kann man sich das Geld für das Melatonin aber sparen. Wie Nina Buscemi und ihre Arbeitsgruppe an der University of Alberta in Edmonton (Kanada) jetzt im «British Medical Journal» berichten, ergeben die Daten aus neun Studien mit 427 Betroffenen keinen Beleg dafür, dass Melatonin die Schlafstörungen nach Jet-Lag oder bei Schichtarbeit tatsächlich wirksam beeinflusst. Weder konnte die Substanz die Wartezeit bis zum Einschlafen verkürzen, noch die Schlafdauer deutlich verlängern.

In einer anderen Gruppe aus 97 Patienten, die aufgrund von psychiatrischen Erkrankungen wie Depression oder schweren neurologisch bedingten Hirnschädigungen an Schlaflosigkeit litten, wurde diese Frage ebenfalls untersucht. Es ergab sich auch hier kein schlagender Beweis für die Wirksamkeit der Substanz. Es wurde lediglich festgestellt, dass Melatonin die Schlafdauer um nicht einmal volle zehn Minuten verlängert - und das bei insgesamt acht im Bett verbrachten Stunden. Das sei laut einem Urteil von Schlafexperten nicht von praktischer Bedeutung.

Die Melatoninproduktion hilft nicht zuletzt, mit Hilfe des Wechsels von Hell und Dunkel den Schlaf-Wach-Rhythmus zu steuern. Sie wird immer dann angekurbelt, wenn man sich abends zum Schlafen hinlegt. In der Nacht ist die Konzentration am höchsten. Am Morgen und in der Helligkeit erlahmt die Aktivität der Drüse. Deshalb wird Melatonin in der Regel als Einschlafhilfe, zum Beispiel vor dem Zubettgehen am Ankunftsort, verwendet. Vielflieger nehmen es auch an Bord ein, um ausgeruht anzukommen. In Deutschland ist die Substanz weder als Medikament zugelassen noch frei erhältlich - was bereits heftige Kritik von den Befürwortern, auch von einigen Ärzten, hervorgerufen hat. In den Vereinigten Staaten und vielen anderen Ländern wird Melatonin indes als Nahrungsergänzungsmittel rezeptfrei vertrieben. Über zahlreiche Internetadressen kann sich auch in Deutschland jeder nach Bedarf versorgen. Für das Flugpersonal ist es inzwischen gängige Praxis, die Melatoninvorräte zum Beispiel in den Vereinigten Staaten immer wieder aufzustocken.

Schon vor Jahren hat Andrew Herxheimer vom Cochrane-Zentrum in London ebenfalls eine Analyse zur Wirksamkeit des Melatonins bei Jet-Lag vorgelegt. Er kam für diese Verwendungsart zu einem deutlich günstigeren Ergebnis und plädierte dafür, die Wirkung bei Schichtarbeit und Jet-Lag gesondert zu untersuchen. Vor allem müsse bedacht werden, dass man bislang zuwenig auf den Einfluss von Alkohol- und Kaffeegenuss geachtet habe.

Herxheimer beklagt aber, dass es keinerlei Langzeitbeobachtungen über die möglichen ungünstigen Auswirkungen einer dauerhaften Einnahme von Melatonin gebe. Zu warnen seien Epileptiker, aber auch Patienten, die gerinnungshemmende Tabletten einnehmen. Auch an Kinder sollten die Eltern kein Melatonin verabreichen. Die gemeinsame Einnahme von Melatonin mit anderen Schlafmitteln könnte, so wird jedenfalls für das Hypnotikum Zolpidem berichtet, zu deutlich stärkeren unangenehmen Nebenwirkungen führen. Überdies zieht Melatonin in Gegenwart von adrenalinähnlichen Substanzen eine Gefässverengung nach sich - zumindest im Experiment mit Ratten. Was dies für den Menschen bedeutet, ist noch unklar. Die jetzt veröffentlichte Studie kann jedenfalls nur für einen Zeitraum von drei Monaten die Unbedenklichkeit der Substanz bescheinigen.
(faz)