Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 01/2006, 17.02.2006

Mini-Dossier Entwicklungshilfe I: Besseres Trinkwasser verursacht Baby-Boom und Hungersnot

Dass ausgerechnet der Zugang zu sauberem Trinkwasser zu schweren Problemen führt, haben britische Forscher in Äthiopien festgestellt: der leichtere Zugang führte zu einem wahren Baby-Boom und dieser sorgte wiederum für Unterernährung, berichtet das Wissenschaftsmagazin Nature in seiner Online-Ausgabe.

Die beiden Forscherinnen Mhairi Gibson von der University of Bristol und Ruth Mace vom University College London hatten die Geburtenstatistiken in Dörfern im Süden Äthiopiens zwischen 1996 und 2000 genauer unter die Lupe genommen. In zahlreichen Dörfern wurden neue Wasseranschlüsse errichtet und die Wissenschaftlerinnen ermittelten daraufhin, wie sich die Geburten- und Sterbeziffern verändert hatten. Der erste signifikante Hinweis war, dass die Kindersterblichkeit nach der Errichtung von Wasserleitungen halbiert hatte. Das saubere Trinkwasser liess Infektionskrankheiten deutlich zurückgehen.

Sehr verwundert waren die Wissenschaftlerinnen aber darüber, dass Frauen in den Dörfern dreimal so häufig schwanger wurden, nachdem die Wasserleitungen gelegt waren und sauberes Trinkwasser direkt ins Dorf lieferte. Die erhöhte Fruchtbarkeit unter den Frauen schien sich aber nicht durch Faktoren wie Alter erklären zu lassen. Die Forscherinnen nehmen an, dass die zum Teil sechs Stunden langen Märsche mit schweren Wassergefässen, die damit wegfielen, in Korrelation mit der Fruchtbarkeit standen. Die Frauen mussten fortan nämlich nur noch maximal 15 Minuten Fusswege zurücklegen, um zu Wasser zu kommen.

Die traurige Bilanz war aber, dass der Baby-Boom die Unterernährung der Kinder bewirkte. Das könnte einfach damit zu tun haben, dass es mehr Kinder aber nicht mehr Nahrungsmittel gebe, berichten die Forscherinnen. «Die höheren Geburtenraten erklären auch, warum in ländlichen Regionen Afrikas die Bevölkerung langsam steigt», so Gibson. Das stehe in deutlichem Kontrast zur Bevölkerungsentwicklung in Europa. Die Forscherin will mit dem Ergebnis der Untersuchung auch an Hilfsorganisationen herantreten, um darauf hin zu weisen, dass parallel zur Wasserversorgung auch über Verhütungsmittel und Kindergesundheitspflege nachgedacht werden müsste. «Über diese Dinge haben Hilfsorganisationen bis jetzt nicht nachgedacht», so Gibson.
(pte)