Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 01/2006, 01.03.2006

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

Um den im Falle einer Grippepandemie zu entwickelnden Impfstoff herrscht ein machtvolles Seilziehen. Den Vorteil eines Produzenten von Grippeimpfstoff im eigenen Land hat die Schweiz nicht mehr. Die Berna Biotech will aber die Herstellung eines Pandemie-Impfstoffes aufnehmen, falls der Bund dies mit 10 bis 15 Millionen Franken unterstützt.

Die Behörden vieler Länder bereiten sich schon heute auf eine allfällige Grippepandemie vor. Dabei ist festzuhalten, dass eine solche nur entstehen kann, wenn das derzeit grassierende Vogelgrippevirus H5N1 oder ein anderes Influenzavirus mutiert und dadurch eine Übertragung von Mensch zu Mensch möglich würde. Dies ist bisher noch nicht geschehen. Man erwartet, dass eine solche Mutation des Virus am ehesten im südostasiatischen Raum auftreten dürfte. Daran allerdings, dass über kurz oder lang dieser Fall eintreten wird, zweifelt kaum jemand. Deshalb werden Pandemiepläne aufgestellt. Dazu zählt auch, dass die Staaten sich für die Entwicklung und Beschaffung eines allfälligen Pandemie- Impfstoffs in die Startlöcher begeben. Das Ziel ist, die eigene Bevölkerung möglichst gut und rasch schützen zu können. Den Impfstoff entwickeln kann man freilich erst, nachdem das neuartige Virus aufgetreten ist. Und auch dann wird es mindestens sechs Monate dauern, bis eine industrielle Produktion anlaufen kann.

In einer ersten Phase wird man sich somit mit dem Grippemittel Tamiflu behelfen müssen. Hier hat die Schweiz denn auch schon vorgesorgt. Sie hat den Hersteller Roche angewiesen, ein Pflichtlager von zwei Millionen Dosen zu errichten. Im Hinblick auf die Entwicklung eines Impfstoffes befindet sie sich indessen nicht in der gleich komfortablen Lage, ohne grösseren Aufwand auf einen inländischen Produzenten zurückgreifen zu können.

Zur Entwicklung des Impfstoffes sind jene Firmen prädestiniert, die bereits alljährlich den gewöhnlichen Grippeimpfstoff herstellen. Weltweit sind dies lediglich acht bis zehn Firmen, wie der Leiter der Sektion Impfungen im Bundesamt für Gesundheit, Daniel Koch, gegenüber der NZZ erklärte. Der weitaus grösste Teil wird dabei in Europa - in Frankreich, den Niederlanden, Irland und Deutschland - produziert. Amerika ist nur zu einem kleinen Teil an der Herstellung beteiligt.

Inzwischen versuchen die meisten Länder, mit einem der Hersteller einen Liefervertrag auszuhandeln, um im Pandemiefall ihre Bevölkerung bestmöglich schützen zu können. Die Schweiz hat eine gezielte Ausschreibung bei möglichen Produzenten vorgenommen, deren Frist am Freitag abläuft. Verschiedene Länder sollen die Entwicklung eines Impfstoffes finanziell direkt unterstützen. So haben etwa die USA an Chiron, deren Übernahme durch Novartis bevorsteht, einen Auftrag mit der entsprechenden finanziellen Unterstützung erteilt. Auch Frankreich unterstützt dem Vernehmen nach zumindest indirekt die Impfstoffentwicklung im eigenen Land. Die Schweiz dagegen sucht mit ihrer Ausschreibung einen Hersteller, der ihr möglichst ein Kaufrecht einräumt, sobald der Impfstoff entwickelt sein wird. Dies freilich wollen alle Länder.

Auf einen inländischen Impfstoffhersteller kann die Schweiz nicht direkt greifen, da die frühere Entwicklerin und Produzentin von Impfstoff, die Berna Biotech AG, Ende der neunziger Jahre die Anfangsschritte zur Impfstoffherstellung ausgelagert hat. Die Berna, welche im Januar von der niederländische Biotechfirma Crucell übernommen wurde, hat nun aber auf das Bedürfnis nach einem allfälligen Pandemie-Impfstoff reagiert. Sie wird sich, wie Patrik Richard gegenüber der NZZ sagte, an der Ausschreibung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) beteiligen und will dazu die Entwicklung und die Produktion eines spezifischen Impfstoffes aufnehmen. Dies würde allerdings Investitionen im Umfang von 10 bis 15 Millionen Franken für die Aufrüstung und das Grundlagendossier (Mockup-Dossier) erforderlich machen, die nach Vorstellungen der Berna der Bund zu übernehmen hätte. Die Berna steht seit April 2004 mit den Bundesbehörden in Verhandlungen.

Angesichts des weltweiten Seilziehens um den künftigen Impfstoff macht man sich auch in der Weltgesundheitsorganisation WHO Gedanken über eine gerechte Verteilung. Man erwägt, über eine administrierte Verteilung den besten Schutz zu erzielen. Im Grund müssten alle ein Interesse daran haben, dass in jener Region, in welcher das mutierte Grippevirus mit Pandemie-Potenzial zuerst auftritt, die Bevölkerung möglichst rasch geschützt würde. In der WHO überlegt man sich indessen auch eine Verteilung, die sich an der Impfquote bei der gewöhnlichen Grippe messen könnte. Danach lägen die USA an der Spitze, denn 30 Prozent der Amerikaner lassen sich jährlich impfen, während die Schweiz mit 18 Prozent hinter England und Frankreich lediglich im europäischen Mittelfeld liegt.

Fakten zum Impfstoff gegen das H5N1-Virus
Der Impfstoff gegen das Vogelgrippevirus H5N1, das von den Tieren auf den Menschen übertragen werden kann, ist inzwischen entwickelt worden. Die Schweiz hat beim französischen Hersteller Sanofi Pasteur 100'000 Dosen bestellt. Im Bundesamt für Gesundheit rechnet man damit, dass der Impfstoff zwischen Mitte und Ende 2006 geliefert wird. Die Impfungen sind bei einer Ausbreitung der Vogelgrippe für besonders exponierte Personen wie Geflügelhalter und Seuchenspezialisten bestimmt. Bei einer Mutation des H5N1-Virus zu einem Virus, das von Mensch zu Mensch übertragbar wäre, wird der H5N1-Impfstoff aber keinen Schutz bieten.
(nzz)