Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Wissenschaft und Forschung: Ausgabe 03/2012, 08.03.2012

Ernährungsweisen der «Best Ager»

Die Pensionierung bringt nicht nur Änderungen im Alltag mit sich, sondern führt auch zu Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten. Das Projekt «Intervening Changes 50+» will das Alltagsleben von Personen in den ersten fünf Jahren nach der Pensionierung untersuchen und hat das Ziel, nützliche Informationen für die Ernährungsberatung und für die Lebensmittelindustrie zu gewinnen.

Stefan Bürki
Leiter Abteilung Food Science & Management der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften, HAFL


Mit der Pensionierung wird der Alltag vieler Leute auf den Kopf gestellt: andere Aktivitäten, umgestellter Tagesrhythmus, mehr zuhause oder viel unterwegs ... Einhergehend mit den neuen Lebensumständen verändern sich auch die persönlichen Essgewohnheiten. Frisch pensionierte Menschen essen weniger auswärts und vielleicht mehr zwischendurch, sie kaufen anders ein und so weiter. Nicht nur die Alltagsgewohnheiten wechseln: Mit steigendem Alter verändern sich auch die Bedürfnisse des Körpers. Er benötigt beispielsweise weniger Kalorien, geht anders mit Fetten um oder die Verdauung bereitet hin und wieder Mühe. Eine gesunde, angepasste Ernährungsweise trägt massgeblich zur Erhaltung einer guten Lebensqualität bei. Das Wissen und die Sensibilisierung hierzu sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Doch wie ergeht es den Menschen ganz konkret nach der Pensionierung? Welche Verhaltensmuster legen sie an den Tag? Welche Probleme und Bedürfnisse treten in Erscheinung? Zu diesen Fragen gibt es wohl Beobachtungen und Vermutungen, aber nur wenig gesichertes Wissen, auf das sich die Senioren selbst und alle, welche für sie Dienstleistungen oder Produkte entwickeln, stützen können. Eine Lücke, denn die Zielgruppe der Pensionierten wächst rasant. In den nächsten Jahrzehnten kommen die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer ins Rentenalter. Fachleute schätzen, dass bis im Jahr 2050 von den rund 8,2 Millionen Schweizerinnen und Schweizern 2,2 Millionen 65-jährig oder älter sein werden.

Vernetzte Zusammenarbeit. Im Projekt «Intervening Changes 50+» soll das Alltagsleben von Personen in den ersten fünf Jahren nach ihrer Pensionierung in Bezug auf das Ernährungsverhalten wissenschaftlich untersucht werden. Das Ziel ist, eine Grundlage zu schaffen für die Entwicklung von zielgruppengerechten Interventionen in der Ernährungsberatung. Die konkreten Forschungsfragen sind:
- Wie gestaltete sich das Ernährungsverhalten vor der Pensionierung?
- Wie hat sich das Ernährungsverhalten nach der Pensionierung verändert?
- Welche handlungsleitenden Motive, Einstellungen und Erfahrungen stehen hinter dem
gegenwärtigen Ernährungsverhalten?
Die fundierte Bearbeitung dieser Fragen erfordert breites spezifisches Fachwissen und auch spezielle Untersuchungsmethoden. Deshalb wirken in dem von der HAFL geleiteten Projekt Mitarbeitende aus vier Fachbereichen in drei Departementen der Berner Fachhochschule, BFH, zusammen.
Untersuchungsdesign. Nach Literaturstudien stand die Alltagsanalyse von Pensionierten im Zentrum der 2010 durchgeführten Erhebungen. Gesucht waren Frauen und Männer zwischen 62 und 70 Jahren, ein bis fünf Jahre nach der Pensionierung, welche selbstständig in Privathaushalten im Kanton Bern wohnen. Es fand sich eine Testgruppe mit 17 Frauen und 15 Männern, wovon 25 in Zwei- und 7 in Einpersonenhaushalten leben. Alle 32 Personen wurden mittels sozioökonomischer Fragebogen und in Leitfadeninterviews durch die HAFL befragt. Dabei handelt es sich um eine Befragungstechnik der Sozialforschung.
Ergebnisse. Die wissenschaftliche Auswertung der gesammelten Informationen im interdisziplinären Projektteam ist noch im Gange. Erste Trends zeichnen sich aber ab:
- Insgesamt glauben die befragten Pensionierten, gut Bescheid zu wisssen, was eine gesunde Ernährung beziehungsweise Lebensweise ist. Sie informieren sich primär in den Printmedien, aber auch im Internet und vereinzelt beim Arzt. Die Informationsflut wird zuweilen als überfordernd und widersprüchlich empfunden.
- Viele Befragte sind gegenüber einer Ernährungsberatung positiv eingestellt, würden eine solche aber erst bei gravierenden gesundheitlichen Problemen in Anspruch nehmen.
- Essen in Gesellschaft hat für die meisten Befragten eine grosse Bedeutung – wegen des Zusammenseins, nicht wegen des Essens. Ins Restaurant gehts nur zu speziellen Anlässen.
- Viele Seniorinnen und Senioren nehmen das Essen als Dilemma wahr – zwischen Lust auf Genuss und Frust mit dem Gewicht. Bei Paaren können in der Regel sowohl Männer wie Frauen kochen. Im Alltag ist es jedoch mehrheitlich die Frau, die einkauft und kocht.
Die bis zum Abschluss des Projekts IC 50+ vorliegenden Resultate werden dazu beitragen, die Förderung eines gesunden Ernährungsverhaltens nach der Pensionierung praxisorientiert weiterzuentwickeln. Nützlich sind sie insbesondere für die Ernährungsberatung beim Übergang vom Erwerbsleben in die Pensionierung sowie für die Lebensmittelindustrie. Aber Vorsicht beim Marketing: Die Menschen fühlen sich nach ihrer Pensionierung keinesfalls einer spezifischen Zielgruppe «Senioren» zugehörig und sie möchten auch nicht entsprechend beworben werden. Diese Erkenntnis wird wohl jede und jeder von uns früher oder später gerne bestätigen wollen. ¡

Die ungekürzte Fassung des Textes ist im SHL-Magazin 9/11 erschienen.