Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Wissenschaft und Forschung: Ausgabe 03/2012, 08.03.2012

Welcher Master darf es denn sein?

Heute bieten zunehmend auch Fachhochschulen konsekutive Master-Studiengänge an. Für Studierende stellt sich also die Frage: Universität oder Fachhochschule – welcher Master of Science-Abschluss ist der richtige? Und für Rekrutierende: Worin unter­scheiden sich die Absolventen?

Seit Herbst 2008 können in der Schweiz auch Fachhochschulen Master-Studiengänge anbieten, die auf dem Bachelor-Studium aufbauen. Eine Kooperation von verschiedenen Fachhochschulen erlaubt es FH-Studierenden inzwischen auch, zum Beispiel den Titel Master of Science (MSc) in Life Sciences zu erlangen. Zu dieser Kooperation zusammengeschlossen haben sich vier Fachhochschulen – die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, die Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, die Haute Ecole Spécialisée de la Suisse occidentale HES-SO und die Berner Fachhochschule BFH.
Erste Bilanz. Bei diesem Studienangebot können die Studierenden aus verschiedenen Vertiefungsrichtungen auswählen. Eine der ersten Varianten, die es im Lebensmittelbereich gibt, ist die fachliche Vertiefung Food and Beverage Innovation, die seit 2009 an der ZHAW angeboten wird. Und inzwischen, so Dr. Sandra Burri, Dozentin an der ZHAW und Leiterin der Vertiefungsrichtung Food and Beverage Innovation, haben bereits einige erste Studierende das Studium mit dieser Vertiefungsrichtung abgeschlossen. Insgesamt eingeschrieben waren in Wädenswil – wo noch drei weitere Vertiefungsrichtungen angeboten werden – in den ersten drei Semestern 77 MSc-Studierende. «Und unsere Erfahrungen sind positiv», sagt sie, «auch die Nachfrage ist bisher gut, wobei noch Wachstumspotenzial vorhanden ist.»
Und der Bachelor? Von Vorteil sei etwa, dass sich mit Einführung des MSc-Abschlusses das Studium an der Fachhochschule wieder aufgewertet habe. Denn mit der Bologna-Reform wurde das einstige Fachhochschulstudium, das mit einem Diplom abgeschlossen wurde, letztlich um ein Semester gekürzt: «Damals war das Studium mit sieben Semestern angesetzt», so Burri, «heute erreichen die Studierenden den Bachelor an der Fachhochschule bereits nach sechs Semestern.» Und mit dem Master gehe das Angebot nun «klar über jenes des einstigen FH-Abschlusses hinaus».
Bedeutet das aber auch, dass der Bachelor-Abschluss der Fachhochschulen langfristig eine Abwertung erfahren wird und somit bald nur noch Chancen hat, wer einen MSc-Abschluss vorweist? «Nein, ein an der Fachhochschule erworbener Bachelor-Abschluss ist nach wie vor berufsbefähigend. Und wer einen Bachelor-Abschluss einer Fachhochschule besitzt, hat sehr gute Berufschancen.» Bisher stiegen daher auch weiterhin noch die meisten Absolventen der ZHAW nach dem Bachelor ins Berufsleben ein. «Rund 10 bis 20 Prozent entscheiden sich momentan für ein Weiterstudium zum Master of Science», sagt Burri. Doch könnten sich diese Zahlen ändern, «wenn die Nachfrage der Wirtschaft nach MSc-Absolventen und -Absolventinnen steigt». Ein Effekt, der sich heute schon in anderen Branchen wie Chemie und Biotechnologie zeige: «Hier ist ein Master auch auf FH-Stufe inzwischen schon fast ein Muss.»
Abgrenzung? Den wesentlichen Vorteil eines Weiterstudiums zum Master of Science sieht Burri jedoch darin, dass sich die Studierenden mit diesem Abschluss «neben fachlich vertieften Kenntnissen auch verstärkt wissenschaftliche und Sozial-/Selbst-Kompetenzen» aneignen könnten. «Diese Absolventen können dann meist schneller Kaderfunktionen in der Industrie übernehmen.»
Ein Anspruch, den bisher vor allem die ETH geltend gemacht hatte. Wie also grenzen sich die beiden Angebote voneinander ab? «Studierende an Fachhochschulen fokussieren sich nach wie vor stärker auf die anwendungsorientierte Forschung, auch beim Master-Studium», sagt Burri. Das Profil der ETH hingegen sei «weiterhin eher grundlagenforschungsorientiert und auch auf eine akademische Karriere ausgerichtet».
Das sagt die ETH Zürich. Dr. Jeannette Nuessli Guth, Studienkoordinatorin und Lehrbeauftragte am Departement für Gesundheitswissenschaften und Technologie D-HEST, formuliert die Unterschiede wie folgt: «Fachhochschulen bilden Fachleute aus, die anwendungsorientiert sind und dort ihre Stärke haben und somit in der produktionsorientierten Umsetzung in der Praxis zum Einsatz kommen – also eine anwendungsorientierte Problemlösungskompetenz vorweisen können.» An der ETH liege der Fokus hingegen «klar auf der Vermittlung von neuesten wissenschaftlichen Grundlagen. Zudem legen wir Wert auf die Systemkompetenz unserer Absolventinnen und Absolventen.» Denn dies sei weiterhin das erklärte Ziel der ETH: «ETH-Absolventinnen und -Absolventen sollen für Kaderpositionen den notwendigen Gesamtsystemüberblick mitbringen und gleichzeitig wissenschaftliche Verbindungen zu den massgeblichen Innovationsfeldern besitzen.»
Und der Bachelor an der ETH Zürich? Diese etwas unterschiedliche Fokussierung der beiden Studienangebote an ETH und Fachhochschule kommt für Nuessli Guth dabei bereits beim
Bachelor zum Tragen: Zwar ist es auch für ETH-Studierende «grundsätzlich denkbar, gemäss Bologna, nach dem Bachelor in die Berufswelt einzusteigen.» Doch zielten die Bachelor-Abschlüsse an der ETH nicht primär auf die Berufsbefähigung ab, «sondern auf eine hervorragende naturwissenschaftliche Grundausbildung, die im weiterführenden Master-Studium sowohl die Abrundung hinsichtlich Systemkompetenz als auch Vertiefung in Spezialisierungsrichtungen erfährt.» Hieraus, findet Nuessli Guth, «leiten sich dann auch verbesserte berufliche Perspektiven, insbesondere für die avisierten Führungspositionen ab.»
Welcher Absolvent ist wofür geeignet? Doch wie sieht es heute konkret bei der Besetzung von Kaderpositionen aus: Macht es noch einen Unterschied, ob ein Bewerber einen MSc-Abschluss von der ETH oder von einer Fachhochschule mitbringt? «Da die beiden Abschlüsse wie erwähnt auf die Ausbildung einen etwas unterschiedlichen Fokus legen, ist dies schon denkbar», so Nuessli Guth. So könne je nach Fragestellungen in einer Kaderposition ein ETH-Abschluss Vorteile bringen.
Auch für Burri von der ZHAW spielt in dieser Frage letztlich das Stellenprofil mit eine Rolle: «Master-Absolventen der Fachhochschulen sind, da ihre Ausbildung praxisnäher ist, schnell in der Lage, sich in die Berufswelt zu integrieren», sagt sie, «das kann ein Vorteil sein.» Ausserdem unterscheide sich das Angebot von der ETH und den Fachhochschulen zum Teil erheblich allein in den Vertiefungen – je nach Stellenangebot könne also eher dieser oder jener Absolvent besser ins Profil passen. Doch am Schluss, gibt sie dann zu bedenken, «ist es in der konkreten Bewerbungssituation ja nie das Diplom alleine, das den Ausschlag gibt: Wichtig bleiben auch Faktoren wie soziale Kompetenz – und Persönlichkeit.»

Weitere Informationen zu MSc-Studiengängen im Bereich Lebensmittel:
ETH: www.hest.ethz.ch/education/foodscience/master
ZHAW: www.ilgi.zhaw.ch/de/science/ilgi/studium/master.html
HES-SO: www.hes-so.ch/mls