Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Branchenfokus: Ausgabe 10/2012, 09.10.2012

Das Auge isst mit

Die Lebensmittelindustrie setzt Farbstoffe ein, um Produkte optisch ansprechend zu präsentieren. Einige dieser Farbstoffe stehen jedoch trotz gesetzlicher Regelung immer wieder im Fokus und in der Kritik.

Das Sprichwort «Das Auge isst mit» ist landläufig bekannt und bewahrheitet sich täglich neu. Nicht umsonst verwendet daher die Lebensmittel- und Getränkeindustrie Farbstoffe, um das natürliche Erscheinungsbild optisch zu verbessern. Doch einige dieser Farbstoffe stehen im Verdacht, keineswegs so harmlos zu sein wie sie aussehen.
Azofarbstoffe. Kräftige, knallbunte Farben in Lebensmitteln, wie beispielsweise Süssigkeiten, Getränken, Backdekor oder Joghurts, erzielt die Industrie vielfach durch den Einsatz von synthetischen Farbstoffen wie Azofarbstoffen (deklariert als: E 102, E 104, E 110, E 122, E 129). Zwar müssen die verwendeten Farbstoffe als Zusatzstoffe zugelassen sein und dürfen keine Gefahr für die Gesundheit darstellen, doch können sie individuelle Unverträglichkeitsreaktionen wie zum Beispiel pseudoallergische Reaktionen wie Nesselsucht oder Asthma auslösen. Zudem stehen einige Azofarbstoffe im Verdacht, zum Auftreten von Hyperaktivität bei Kindern beizutragen. Daher müssen europäische Lebensmittelproduzenten seit 20. Juli 2010 bei Verwendung solcher Farbstoffe einen Warnhinweis gut sichtbar und leicht lesbar auf der Verpackung anbringen.
Rechtliche Grundlagen in der EU. In der Zusatzstoff-Zulassungsverordnung sowie der EU-Richtlinie 94/36/EG über Farbstoffe ist geregelt, welche Farbstoffe verwendet werden dürfen und wie sie kenntlich zu machen sind. Doch Azofarbstoffe stehen trotz rechtlicher Regelung immer wieder im Fokus und in der Kritik.
Anlass für eine Diskussion über den Zusatz bestimmter Farbstoffe in Lebensmitteln war eine Studie der Universität Southampton, die die britische Behörde für Lebensmittelsicherheit, FSA, 2007 in Auftrag gegeben hat. Diese lieferte Hinweise darauf, dass der Verzehr von Lebensmitteln mit Azofarbstoffen, Chinolingelb und auch bestimmten Konservierungsstoffen bei Kindern zu besagten Verhaltensstörungen führen könnte. Einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen der Aufnahme bestimmter Farbstoffe und den beobachteten Symptomen aus der Studie konnten verschiedene wissenschaftliche Gremien allerdings nicht zwingend ableiten.
Das EU-Parlament trug dieser Studie aus vorbeugendem gesundheitlichem Verbraucherschutz dennoch Rechnung. Es verlangte, dass Lebensmittelproduzenten den Warnhinweis «Kann die Aufmerksamkeit und Aktivität bei Kindern beeinträchtigen» leicht lesbar und gut sichtbar auf der Verpackung anbringen müssen. Diese Regelung wurde im Anhang V zur VO (EG) Nr. 1333/2008 (EU-ZusatzstoffVO) verfügt und gilt seit Juli 2010. Aufgrund des «Verbotsprinzips mit Erlaubnisvorbehalt» mussten Experten Positivlisten für die Anhänge II und III der Verordnung zusammenstellen, die im November 2011 publiziert wurden. Diese Gemeinschaftslisten haben Fachleute auf Basis einer wissenschaftlichen Beurteilung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, EFSA, erarbeitet. Damit dürfen Produzenten zugelassene Zusatzstoffe, Aromen und Enzyme nur einsetzen, wenn sie technologisch notwendig, sicher und nicht irreführend sind. Anhang II (veröffentlicht als Verordnung Nr. 1129/2011) definiert die Liste der Lebensmittelzusatzstoffe in der EU und ihre Verwendungsbedingungen pro Lebensmittelkategorie und gilt – mit Ausnahmen – ab 1. Juni 2013.
Aktuelle Situation. In den vergangenen zwei Jahren hat die Lebensmittelindustrie auf die Verordnung reagiert und entweder den Warnhinweis angebracht oder die Rezeptur verändert und statt der synthetischen Azofarbstoffe natürliche Alternativen eingesetzt. Bei einigen Produkten mit synthetischen Farbstoffen zeigten Marktbeobachtungen, dass der Warnhinweis im direkten Anschluss an die Zutatenliste steht. Damit ist der Hinweis im umgebenden Text jedoch nur schwer zu finden, womit die gesetzliche Vorgabe «an gut sichtbarer Stelle» und «leicht lesbar» nicht ausreichend erfüllt ist und die entsprechenden Herstellerbetriebe diese konkretisieren müssen.
Zudem sollte in diesem Zusammenhang berücksichtigt werden, dass es besonders Kinder sind, die stark farbige Lebensmittel wie Bonbons und andere Süssigkeiten kaufen und die Lebensmittelkennzeichnung nicht beachten. Daher fordern Verbraucherzentralen den vollständigen Verzicht von Azofarbstoffen, bis deren Unbedenklichkeit eindeutig nachgewiesen ist.

» Lesen Sie mehr darüber in der aktuellen Ausgabe LT 10/12.