Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Wissenschaft und Forschung: Ausgabe 10/2012, 09.10.2012

Probiotika und Health Claims: Ein lösbares Dilemma?

Probiotische Bakterienstämme sind als Verkaufsargument in der Lebensmittelindustrie sehr beliebt. Doch gibt es immer wieder Schwierigkeiten mit der gesundheitsfördernden Auslobung – den Health Claims. Nachfolgend steht der Zusammenhang zwischen publizierten wissenschaftlichen Informationen zu probiotischen Stämmen und deren Umsetzung in potenziellen Health Claims im Zentrum.

Dr. Barbara Guggenbühl
Co-Leiterin Forschungsgruppe Kulturen, Biodiversität und Terroir Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld-Posieux ALP, Bern


Ulrich Zehntner
Wissenschaftlicher Mitarbeiter Forschungsgruppe Kulturen, Biodiversität und Terroir Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld-Posieux ALP, Bern


Health Claims und Functional Food stehen immer wieder im Fokus, wobei besonders Health Claims weitreichende Auswirkungen für die Lebensmittelindustrie haben. Die juristische Trennung von Lebensmitteln und Medikamenten verursacht wiederholt Schwierigkeiten, wenn Hersteller die speziellen probiotischen Eigenschaften thematisieren müssen. Auch wenn probiotische Lebensmittel häufig zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden, dürfen Unternehmen bei der Beschriftung und Werbung solcher Produkte weder eine Heilanpreisung erwähnen noch auf die präventive Wirkung gegen eine Krankheit hinweisen. Ein sinnvoller Ansatz für die Lösung dieses Dilemmas liegt nicht in werbemässigen Health Claims, sondern in einem verständlichen und fundierten Wissenstransfer für die breite Öffentlichkeit.
Die Definition von Probiotika enthält bereits einen Health Claim. Fachleute übersetzen den Begriff «Health Claims» in der aktuellen Diskussion meist mit «Nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben zu Lebensmitteln oder einzelnen Inhaltsstoffen». Sie verbieten den Hinweis auf Krankheiten. Gemäss WHO-Definition müssen Probiotika zwingend lebende Mikroorganismen enthalten, die, über die Nahrung aufgenommen, auch nach der einsetzenden Verdauung im Dünndarm noch in ausreichender Anzahl vorhanden sind, um im Dickdarm eine gesundheitsfördernde Wirkung ausüben zu können, die durch eine normale Ernährung nicht erreichbar ist. Mit dem Hinweis auf gesundheitsfördernde Aspekte umfasst bereits die Definition von Probiotika einen Health Claim.
Aktuelle Situation der Health Claims in der EU und der Schweiz. Zwischen 2006 und 2008 haben Lebensmittelproduzenten bei der EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) über 40 000 Anträge für Health Claims eingereicht. Rund 4000 Anträge hat die Behörde für die weitere Begutachtung berücksichtigt. Im laufenden Jahr hat die EFSA 222 Health Claims bewilligt und rund 1600 mit Begründungen abgelehnt, weitere 2000 Dossiers sind noch in Bearbeitung. Die Zusammenstellung mit den bewilligten und abgelehnten Health Claims umfasst 724 Papierseiten. Die meisten zugelassenen Claims stehen im Zusammenhang mit einer Wirkung von Lebensmittelinhaltsstoffen, die seit vielen Jahren unbestritten ist, wie beispielsweise der Zusammenhang zwischen vitaminreichen Pflanzen und Gesundheit. Unter den bewilligten Aussagen befinden sich keine zu probiotischen Produkten.
Ein häufiger Grund für den negativen Entscheid der Behörde ist der Aspekt, dass viele der klinischen Studien zwar mit den in den Anträgen aufgeführten probiotischen Stämmen durchgeführt wurden, die Stämme aber in einer Form getestet wurden, die nicht dem endgültigen Marktprodukt entsprach. Die Anforderungen der Behörde gleichen nun jenen für Tests mit Medikamenten: Das in der klinischen Phase getestete Medikament muss mit dem Produkt identisch sein, das auf den Markt gebracht werden soll. Weitere, häufig aufgeführte Ablehnungsgründe sind «keine Zufallsauswahl» der Probanden, «fehlende Doppelblind-Anordnungen» oder «ungenügender Nachweis zwischen dem Health Claim und den Studienergebnissen mit dem infrage kommenden Bakterienstamm». In der Schweiz ist in der Lebensmittelkennzeichnungsverordnung festgelegt, welche Health Claims in welcher Form zulässig sind. In der Verordnung nicht explizit aufgeführte Health Claims unterliegen einer Bewilligungspflicht. Für die Umsetzung der Verordnung ist das Bundesamt für Gesundheit, BAG, zuständig.
Untersuchungen zu gesundheitsfördernden Wirkungen von probiotischen Stämmen. Wie die gesundheitsfördernden Wirkungen bestimmt werden, hat sich in den letzten zwanzig Jahren stark verändert. Die Forschungsgeschichte zu allen probiotischen Stämmen verlief aber sehr ähnlich: Als Erstes untersuchten Experten, inwieweit sich der Stamm in seinen Überlebenseigenschaften von anderen oral aufgenommenen Bakterien unterscheidet. Diese werden normalerweise während der Magendarmpassage von der Magensäure und den Gallensalzen des oberen Darmtraktes inaktiviert, denaturiert, zerlegt und im Dünndarm resorbiert. Von Probiotika verlangen Fachleute eine Resistenz gegenüber diesem Verdauungsprozess über Wochen, gemessen in Form der Lebendzahl im Stuhl. Die Resistenz zusammen mit der Adhäsionsfähigkeit im Dünndarm sind unabdingbare Voraussetzungen, um einen Bakterienstamm als «probiotisch» bezeichnen zu dürfen. Diese Eigenschaften können aber nicht direkt mit einer gesundheitsfördernden Wirkung in Zusammenhang gebracht und in einen entsprechenden «Health Claim» transformiert werden.
In einer zweiten Phase wurden Wechselwirkungen mit anderen Darmbakterien, insbesondere Krankheitserregern, untersucht. Diese Interaktionen können aktiv in Form von sezernierten Hemmstoffen oder passiv über eine konkurrierende Besetzung von spezifischen Darmwandstellen erfolgen. Die klinisch messbaren Effekte wurden häufig im Zusammenhang mit Durchfallerkrankungen geprüft, wobei Probiotika als Begleittherapie eingesetzt wurden. Dieses Beispiel verdeutlicht das Dilemma von Probiotika bezüglich Health Claims: Wie kann die gewünschte Wirkung, in diesem Beispiel eine verkürzte Dauer mit Durchfallereignissen, im Vergleich zur Kontrolle kommuniziert werden, ohne Bezug auf die Krankheit zu nehmen?
Mit der Erkenntnis, dass viele chronische Erkrankungen, wie Reizdarm, Neurodermitis, Allergien, Crohn’s, auf autoimmune Reaktionen zurückzuführen sind, wurde die Frage einer Beziehung dieser Krankheiten zum Darmimmunsystem und damit zur Zusammensetzung und Dynamik der Darmflora aufgeworfen. Das initiierte eine Flut von Studien zur Vorbeugung oder Linderung allergischer Reaktionen mittels probiotischer Stämme.
Studien haben gezeigt, dass das Darmimmunsystem nicht nur auf Krankheitserreger, sondern in unterschiedlichem Ausmass auf jeden Kontakt mit Nahrungsmitteln mit einer Ausschüttung vieler immun-relevanter Metaboliten, unter anderem auch Botenstoffe wie T-Helferzellen TH1, TH2 und weiteren, reagiert. Einige dieser Botenstoffe wirken entzündungsfördernd, andere entzündungshemmend. Entscheidend für den Normalverlauf ist offenbar das optimale Verhältnis der T-Helferzellen. Der Darm kann demnach autonom eine Art Risikoeinschätzung des Darminhaltes vornehmen und mit geeigneten Massnahmen darauf reagieren. Dabei scheinen sowohl die bereits eingenistete Darmflora als auch weitere, über die Nahrung aufgenommene Mikroorganismen für das Gleichgewicht dieser Botenstoffe eine wichtige Rolle zu spielen. Eine Autoimmunkrankheit im Darm bringen Experten heute mit einer Fehlfunktion dieses Risiko-Managements in Verbindung. Damit bekommen auch die probiotischen Stämme respektive alle fermentierten Lebensmittel eine zusätzliche gesundheitserhaltende Funktion.
Tausende von wissenschaftlichen Studien irrelevant? Unter den Ablehnungsgründen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit findet sich auch häufig die Kritik, dass die beantragten Health Claims auf eine ungenügende Zahl an wissenschaftlichen Studien abstützen. Entsprechende Recherchen im Internet zeigen aber ein ganz anderes Bild. Eine Suchanfrage zum Stichwort «probiotic study» im April 2012 lieferte zwischen 500 (2006) und 1600 (2011) Treffer von Originalarbeiten in wissenschaftlichen Zeitschriften.
Eine von Emmi zusammengestellte und 2001 veröffentlichte Publikationsliste für den probiotischen Stamm Lactobacillus rhamnosus GG (enthalten in den Actifit-Produkten) umfasste über 160 Referenzen. Seit 2000 sind zu diesem Stamm rund 900 weitere wissenschaftliche Artikel erschienen.
Im Zeitraum 2000 bis 2012 wurden zu den anderen in der Schweiz erhältlichen Lebensmitteln mit probiotischen Stämmen folgende Treffer erzielt:
- Bifidobacterium lactis Bb-12 (enthalten in den meisten Bifido-Joghurts): rund 350 Publikationen
- Lactobacillus johnsonii LA1 (enthalten in den LC1-Produkten von Nestlé): zirka 190 Publikationen
- Lactobacillus casei DN-114 001 (enthalten in den Actimel-Produkten von Danone): rund 100 Publikationen
Health Claim ist nicht gleich Wissenstransfer. Aktuell zulässige Auslobungen von Probiotika wie «unterstützt die Verdauung» zeigen, dass unter der momentan geltenden gesetzlichen Regelung spezifische und aussagekräftige Health Claims zu Probiotika nicht möglich sind. Auch wenn für Health Claims für Probiotika weniger strikte Kriterien angewendet würden, dürfte es kaum möglich sein, die komplexen Wirkungsmechanismen von Probiotika und die daraus abgeleitete gesundheitserhaltende Wirkung in einem kurzen und prägnanten Claim ausdrücken zu können. Eine Übersetzung relevanter, wissenschaftlicher Originalarbeiten in eine verständliche Alltagssprache bietet die Möglichkeit, der interessierten Bevölkerung fundierte Informationen zum Thema Probiotika zur Verfügung zu stellen und das Wissen zur gesundheitserhaltenden Wirkung probiotischer Lebensmittel zu erhöhen. In diesem Zusammenhang sind unter anderem auch unabhängige, seriöse Internetplattformen gefragt. Als Beispiel dazu mag die neu aufgeschaltete «foodle.ch» dienen, deren erklärtes Ziel es ist, einer breiten Bevölkerung qualitativ hochwertige und aktuelle Informationen rund um das Thema Lebensmittel zur Verfügung zu stellen. •


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