Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Verpackung: Ausgabe 10/2014, 06.10.2014

IFS-Verpackungsleitfaden Version 2

Die Lebensmittelindustrie stellt hohe Anforderungen an die Ver­packungsbranche. So dürfen nur Materialien zum Einsatz kommen, die schützen, nachhaltig und preiswert sind. Doch die Realität sieht anders aus. Der IFS VLF 2 bemüht sich hier um einen Ausgleich.

Autor: Dr. Thomas Gude

Seit Oktober letzten Jahres liegt der IFS-Verpackungsleitfaden Version 2 (VLF 2) vor. Dieser umfasst zum einen die Anpassung an die Version 6 des IFS Food, in dem Lebensmittelverpackungen – je länger je mehr – intensiv thematisiert werden, und gibt andererseits eine gewisse Hilfestellung zur Interpretation und Umsetzung der Anforderungen. Er ist primär an die Lebensmittelindustrie adressiert, lässt sich aber auch von der einschlägigen Verpackungsindustrie nutzen, wenn sie verstehen will, woher und warum gewisse Forderungen an sie he­rangetragen werden.

Sind Forderungen umsetzbar?

Das Thema Lebensmittelverpackungen lässt sich ein wenig wie das Pendel einer Uhr darstellen. Über Jahre hinweg stand und steht auch heute noch die Technik im Vordergrund. Lebensmittelverpackungen sollen nämlich primär die Lebensmittel schützen, darüber hinaus sollen sie aber auch sicher, nachhaltig, preiswert, Botschaftsträger und noch vieles andere sein. Die dafür eingesetzten Materialien und Herstellungsprozesse müssen diesen Anforderungen entsprechen. Das Pendel der Uhr bewegt sich aber seit einigen Jahren in Richtung Sicherheit der eingesetzten Materialien und wie sich das belegen lässt. Dieses führt zu der Situation, dass die Lebensmittelindustrie Forderungen an Verpackungslieferanten stellt, die sich so nicht umsetzen lassen. Dies zum Teil auch, weil neuere Erkenntnisse in der Substanzbewertung, zum Beispiel Low Dose Effects, vorliegen, die zurzeit nicht vollumfänglich und abschliessend beantwortet werden können. Das Pendel schlägt also durch.

Verpackungsleitfaden.

Der IFS VLF 2 versucht nun, das Pendel der Uhr ein wenig in die Mitte zu rücken, um die grossen Ausschläge des Pendels zu vermeiden. Weite Teile des IFS VLF 2 basieren auf Vorarbeiten, die Experten in der Schweiz im Rahmen der JIG (Joint Industry Group) unter Federführung des SVI (Schweizerisches Verpackungsinstitut) erarbeitet haben.

Lösungsansätze.

Wie lässt sich aber nun das Pendel der Uhr in der Mitte halten? Für die Lebensmittelindustrie steht die nachvollziehbare Forderung des IFS Food 6 – Einhaltung aller gesetzlichen Forderungen – im Vordergrund. Das Problem ist, dass das Gesetz zwar in sich schlüssig ist hinsichtlich allgemeiner und manchmal auch spezifischer Vorgaben, aber viele Fragen der Umsetzung offen bleiben. Diese «Lücken» müssen dann Lebensmittel- und Verpackungsindustrie gemeinsam lösen, wobei die Betonung auf gemeinsam liegt. Der Ansatzpunkt des IFS VLF 2 liegt konsequenterweise in der Implementierung eines risikobasierten Ansatzes (beispielsweise HACCP), an dessen Integration in die Lebensmittelproduktion die Industrie jahrzehntelang gearbeitet hat. Der VFL 2 nimmt dieses auf – denn nicht alle Lebensmittel und deren Verpackungen unterliegen der gleichen Gefährdung beziehungsweise dem Risiko. Dieses gehen Fachleute mit der Implementierung von vier Schlüsselparametern an: Informationssammlung, Kategorisierung, Gefährdungs-/Risikoanalyse und Überprüfungen. Kurz zusammengefasst heisst das, der Lebensmittelhersteller versucht weitgehend, alle relevanten Informationen zum eingesetzten Verpackungssystem zu sammeln; primär einmal über den Materialaufbau. Dieser wird dann in einer Matrix den verschiedenen Lebensmittelkategorien gegenübergestellt. Der VLF 2 zeigt beispielhaft eine solche Mat­rix auf, auf deren Basis sich dann ein Ranking aufstellen lässt, beispielsweise nach dem bewährten Ampelprinzip. Die Matrix stuft etwa Altpapier ohne Barriere in direktem Kontakt zu trockenen Lebensmitteln mit einer hohen Gefährdung (rot) ein, wohingegen Mineralwasser in Glasflaschen nur eine geringe Gefährdung (grün) darstellt. Aufbauend auf dieser Einteilung lässt sich dann als letzten Schritt das Selbstkontrollprüfprogramm definieren. Mit der Anwendung dieser vier Schlüsselparameter ist der Lebensmittelhersteller in der Lage, seine Lebensmittelverpackungen risikobasiert einzuteilen. Hierbei ist sicherlich festzuhalten, dass der Aufbau einer solchen Matrix recht komplex sein kann und vertieftes Fachwissen erfordert. Aber «Rom wurde auch nicht an einem Tag gebaut» – es lohnt sich, gegebenenfalls auch unter Mithilfe von «Experten», damit zu beginnen.

Relevante Konsequenzen.

Grundsätzlich müssen zwar für alle Lebensmittel-Verpackungskombinationen seitens der Vorlieferanten geeignete Dokumente vorliegen, welche die Sicherheit so weit wie möglich aufzeigen. Für die Beurteilung der Güte der vorgelegten Dokumente, wie Konformitätserklärungen oder Vergleichbares, bietet der VLF2 ja die schon bewährte Checkliste. Aber der Handlungsbedarf, der sich aus der Matrix für den Lebensmittelhersteller ergibt, ist ganz unterschiedlich.

Für Lebensmittel-Verpackungskombinationen mit einem geringen Risiko reicht häufig die eingeforderte Dokumentation der Vorlieferanten. Für Kombinationen, die risikoreicher sein können, muss der Lebensmittelhersteller eine Verifizierung vornehmen. Denn Fachleute gehen davon aus, dass es keine migrationsfreien Materialien gibt. In der Regel decken daher Simulationsprüfungen eher nur allgemeine Fälle ab. Auch bei spezifisch auf das einzelne Produkt abgehaltenen Simulationsprüfungen kann es sich ergeben, dass Substanzen ein Limit überschreiten beziehungsweise Substanzen erscheinen, die (noch) nicht bewertet sind, zum Beispiel NIAS (non-intentionally added substances). In diesen Fällen ist eine Verifizierung – wo immer machbar – im Lebensmittel angezeigt. Alternativ dazu kann der Lebensmittelhersteller natürlich die Anwendung von Materialien ablehnen, die auffällig waren im Migrationsexperiment. Dieses führt aber je länger je mehr dazu, dass es dann keine Materia­lien mehr einzusetzen gäbe.

Damit wären wir wieder bei dem Pendel der Uhr. Extremausschläge wie die Aussagen «alle Materialien sind per se sicher – hier gibt es nichts zu überprüfen» oder «wir setzen nur sichere Materialien ein, überprüfen diese aber nicht» sind nicht zielführend.

Zwingender Informationsaustausch.

Der IFS-Verpackungsleitfaden 2 versucht hier, diese beiden Extrempositio­nen abzuschwächen durch ein schon lange bewährtes System in der Lebensmittelverarbeitung (Risikobasierung) und dessen Anwendung im Bereich der Lebensmittelverpackungen. Der wesentliche Unterschied zur Lebensmittelverarbeitung ist die Tatsache, dass bei Verpackungen und deren Anwendung im Lebensmittelbereich zwei sehr unterschiedliche Industrien aufeinandertreffen. Der Informationsaustausch, insbesondere auch hinsichtlich eventueller Gefährdungen, ist hier viel zwingender. Der VFL 2 versucht, diesem Umstand zu begegnen.

Sichtbarer Handlungsbedarf.

Bei konsequenter Anwendung des VFL 2 lassen sich nicht alle Problemstellungen lösen, aber es lässt sich zumindest sichtbar machen, wo denn Handlungsbedarf ist und wer in der Wertschöpfungskette was umsetzen muss. Die im VFL 2 beschriebenen Schritte sind natürlich nicht nur für IFS-zertifizierte Lebensmittelhersteller interessant. Die Anwendung ist für jeden Lebensmittelhersteller somit empfehlenswert, egal welcher Zertifizierung er unterliegt, zumal die allgemeinen Forderungen diverser Standards in Bezug auf Lebensmittelverpackungen vergleichbar sind.


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