Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Stressprävention: Ausgabe 04/2014, 02.04.2014

Stress gehört nicht zum guten Ton

Heutzutage gehört es fast schon zum guten Ton, gestresst zu sein. Doch was leicht ausgesprochen ist, kann gravierende Folgen haben. Daher empfiehlt sich für Mitarbeiter und Unternehmen eine früh­zeitige und nachhaltige Stressprävention.

Wer das Wort «Stress» bei Google eingibt, bekommt in Sekundenbruchteilen rund 153 Millionen Einträge angezeigt. Sie alle beschäftigen sich mit einem Phänomen, das wir alle tagtäglich erleben. Doch was genau ist Stress eigentlich? Mirjana Canjuga, Beraterin und Lehrgangsleiterin für betriebliches Gesundheitsmanagement bei der Suva, unterscheidet zwischen Stress und Erregung: «Ein Erregungsniveau ist nicht unbedingt schlecht, denn dann sind wir aktiv und produktiv. Erst wenn das Erregungsniveau höher wird, wir Fehler machen, unkonzentriert und vergesslich sind, dann kommt es zum Stresszustand.»
Eine vom Staatsekretariat für Wirtschaft, SECO, 2010 durchgeführte Studie zeigte, dass sich rund ein Drittel (34,4 Prozent) der Schweizer Erwerbstätigen häufig oder sehr häufig gestresst fühlt. Im Vergleich zur Studie vom Jahr 2000  waren es damals noch 26,6 Prozent, was einen deutlichen Anstieg bedeutet. Auch wenn Personen Stress subjektiv wahrnehmen, ist dieses Resultat denkwürdig.
Individuelle Wahrnehmung. So unterschiedlich die Menschen und deren Lebens- und Arbeitssituationen sind, so unterschiedlich ist auch die Stresswahrnehmung. Was für den einen schon zu viel ist, kann für den anderen noch lange keine Auswirkungen haben. Für alle gilt aber die gleiche Tatsache, wie die Suva-Expertin weiss: «Der subjektiv empfundene Stress entsteht aus einer Befürchtung, dass eine unangenehme Situation entstehen könnte, aus der Betroffene nicht fliehen und diese auch nicht bewältigen können. Ich vergleiche das gerne mit einer Waage. Auf der einen Seite haben wir Anforderungen, die an uns gestellt werden, und das nicht nur vom Arbeitgeber, sondern auch von der Familie, dem Verein usw. Auf der anderen Seite stehen unsere Ressourcen, die wir nutzen, um den Anforderungen gerecht zu werden. Wir bemühen uns, diese Waage im Gleichgewicht zu halten. Wenn dieser Prozess aber nicht funktio­niert und wir das Gefühl haben, es mit unseren Ressourcen nicht zu schaffen und die Anforderungen bewältigen zu können, entsteht Stress.»
Stressoren. Häufige Auslöser finden sich ausserhalb des Privatlebens, vor allem im Beruf. Gemäss der aktuellen SECO-Studie empfinden Berufstätige unklare Anweisungen, Zeitdruck, Arbeit in der Freizeit, überlange Arbeitstage, soziale Diskriminierung und vor allem die Unterbrechung in der Arbeit als Stressauslöser. Dazu kennt die Fachfrau noch einen Faktor, der in der Studie nicht explizit genannt, aber mindestens ebenso gewichtig ist – nämlich nicht Nein sagen zu können und sich damit mehr Arbeit aufzuladen, als mit den eigenen Ressourcen zu schaffen ist.
Auswirkungen von Stress. Die Folgen hat jeder schon erlebt. Laut der schweizerischen Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik, BFS, von 2012 weisen 21 Prozent der Bevölkerung starke körperliche Beschwerden auf. Diese reichen von Kopfschmerzen, Rücken- und Nackenbeschwerden, Schlaf- oder Einschlafstörungen, allgemeiner Schwäche, Müdigkeit oder Energielosigkeit bis hin zu psychischen Störungen und sogar Burn-out. Dabei sind gelegentliche Schmerzen nicht zwingend ein Hinweis für Stress, sondern durchaus normal. Häufen sich die körperlichen Beschwerden, kann dies jedoch ein Signal sein, das Betroffene ernst nehmen sollten, bevor sie zu ernsthaften Problemen führen.
Persönliche Stressprävention. Den ersten Schritt sieht die Expertin auf der Ebene des Individuums: «Die Selbstaufmerksamkeit und die Selbstdiagnose sind dabei wichtige Faktoren. Jeder kann bei sich auf die Gefühlsebene und auf seine Denkweise achten und sich beispielsweise Fragen stellen wie ‹Bin ich konzentriert?›, ‹Vergesse ich Sachen?›, ‹Mache ich Fehler?› Auf der Verhaltensebene geben Antworten auf die Fragen ‹Bin ich aggressiver als sonst?› ‹Trinke ich mehr Kaffee oder rauche ich noch mehr?›, hilfreiche Aufschlüsse. Auch die Erkennung der bereits erwähnten körperlichen Beschwerden gehört zur Selbstaufmerksamkeit. Wichtig ist, sich überhaupt bewusst zu sein, dass Beschwerden vorhanden sind.» Die häufigste Strategie ist der Abbau der Symptome. Bei Schmerzen ist die gelegentliche Medikamenteneinnahme ein Weg, der sich auf Dauer aber nicht eignet. Denn an den Ursachen ändert sich nichts. Auch langsames, vertieftes Atmen, Pausen machen und Sport treiben kann beim Stressabau helfen. Die Expertin weist aber noch auf einen anderen Weg hin: «Jeder kennt sicher das Sprichwort ‹Wir machen uns den Stress zum Teil selbst›. Das ist häufig damit verbunden, dass wir zu hohe Erwartungen und Ansprüche an uns haben.» Die Fachfrau rät hier zur eigenen Beurteilung, ob diese Ansprüche überhaupt realistisch sind: «Muss ich immer und überall perfekt sein, oder kann ich auch ab und zu einfach mal nur gut sein?

» Lesen Sie mehr darüber in der aktuellen Ausgabe LT 4/14