Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Öle und Fette: Ausgabe 06/2014, 08.07.2014

Zertifiziertes Palmöl – es läuft nicht wie geschmiert

Der Umweltschutz ist für viele Unternehmen mittlerweile ein grosses Anliegen geworden. Doch ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Verwendung zertifizierten Palmöls ist ein guter Ansatz, aber es gibt noch viel zu tun – auch für die Lebensmittelindustrie.

Palmöl ist ein Bestandteil vieler Produkte unseres Lebens. Angefangen von Kosmetikartikeln über Putzmittel ist es vor allem auch in der Nahrungsmittelbranche eine viel genutzte Zutat. Palmöl ist nicht nur preisgünstig, es ist auch das meist verwendete Pflanzenöl. Wer die vielfältigen technischen und chemischen Eigenschaften kennt, weiss auch warum. Das geruchsneutrale und relativ hitzebeständige Öl lässt sich für die Produktion nahezu jedes Lebensmittels einsetzen und ist aufgrund seiner Eigenschaften kaum durch ein anderes Pflanzenöl zu ersetzen.

Doch Palmöl hat auch seine Schattenseiten. Die Produktion in Plantagen ist aus Sicht verschiedener Umweltorganisationen sehr bedenklich, da die Herstellung nicht nur wertvollen Regenwald vernichtet, sondern auch jede Menge CO2 freisetzt, wenn die Plantagen auf Torf­böden entstehen. Ganz zu schweigen von den Menschenrechtsverletzungen, wenn skrupellose Unternehmen indigene Völker und Bauern von ihren Ländern vertreiben und somit ihrer Lebensgrundlage berauben. Wer sich für die Arbeit auf den Plantagen entscheidet, erhält oft keine ausreichende Bezahlung. Aufgrund solcher negativer Schlagzeilen sind nicht nur Konsumenten auf die bedenkliche Palmölproduktion aufmerksam geworden. Auch einige Lebensmittelproduzenten haben den Geist der Zeit erkannt und wollen ihren Beitrag zum Umweltschutz und zur Wahrung der Menschenrechte leisten. Ein erster Schritt auf dem richtigen Weg ist beispielsweise die Verwendung von Palmöl aus zertifiziertem Anbau.

Zertifizierungssysteme.

Derzeit gibt es vier verschiedene Zertifizierungssysteme. Jedes legt den Schwerpunkt auf einen anderen Aspekt, der sich aus der Entstehung der jeweiligen Organisationen entwickelt hat.

RSPO.

Das wohl bekannteste Zertifizierungssystem ist das Roundtable On Sustainable Palm Oil (RSPO). Der runde Tisch für nachhaltiges Palmöl ist ein gemeinnütziger Verein, der Interessengruppen aus sieben Sektoren der Palmöl­industrie zusammenführt. Dazu zählen Palmölproduzenten, die Palmöl verarbeitende Industrie, Palmölhändler, Hersteller von Konsumgütern, Einzelhändler, Banken und Investoren sowie Nichtregierungsorganisationen mit Umwelt- und sozialem Hintergrund wie beispielsweise der WWF. Die Mitglieder des RSPO müssen acht Prinzipien einhalten:

  • Bekenntnis zur Transparenz
  • Einhaltung von Gesetzen und sonstigen rechtlichen Bestimmungen, zum Beispiel die rechtmässige Nutzung von Anbauflächen
  • Bekenntnis zu langfristiger wirtschaftlicher Tragfähigkeit
  • Anwendung angemessener, bewährter und vorbildlicher Methoden durch anbauende Betriebe und Mühlen, zum Beispiel zur langfristigen Wahrung der Bodenfruchtbarkeit und Erosionsvermeidung
  • Verantwortung gegenüber der Umwelt und Wahrung natürlicher Ressourcen und der Biodiversität
  • verantwortungsvolle Berücksichtigung der Angestellten und betroffener Individuen und Gemeinden
  • verantwortungsvolle Erschliessung von neuen Anbaugebieten
  • Bekenntnis zur kontinuier­lichen Verbesserung in Hauptarbeitsgebieten oder beim Einsatz von Agro-Chemikalien

Rainforest Alliance.

Diese Nichtregierungsorganisation hat ihren Standard mit dem Sustainable Agriculture Network (SAN) – Netzwerk für nachhaltige Landwirtschaft – ausgearbeitet. Das SAN ist eine Koalition gemeinnütziger, unabhängi­ger Umweltschutzorganisationen, die eine ökologisch und sozial nachhaltige Landwirtschaft durch Entwicklung von Standards fördern.

Die Rainforest Alliance war bei der Entwicklung des RSPO-Standards aktiv beteiligt und hat ihren Standard auch mit ISCC koordiniert, damit Fachleute die verschiedenen Standards für den nachhaltigen Ölpalmenanbau, soweit es machbar ist, harmonisieren können. Ziel des SAN-Standards der Rainforest Alliance ist es, landwirtschaftliche Betriebe dazu anzuhalten, Gefährdungen zu analysieren und so die Folgen zu vermeiden, die in ökologischer und sozialer Hinsicht aus der Farmbewirtschaftung entstehen können. Der Standard basiert auf den Grundpfeilern gesunder Umwelt, sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Lebens­fähigkeit. Der SAN-Standard gliedert sich in zehn Prinzipien:

  • Verwaltungssystem für Sozial- und Umweltmanagement
  • Erhalt der Ökosysteme, Schutz der Wildtiere und Gewässerschutz
  • angemessene Behandlung der Arbeiter und gute Arbeitsbedingungen
  • Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz
  • gute Beziehungen zu Gemeinden
  • integrierter Pflanzenschutz
  • Bodenschutz und Bodenmanagement
  • integriertes Abfallmanagement

Der International-Susta­in- ­ability-and-Carbon-Certifi­ca­tion-

(ISCC-)Standard entstand, um die Einhaltung der Nachhaltigkeitsanforderungen der Europäischen Erneuerbare-Energien-Richt­linie (EU RED) sowie der Deutschen Biokraft- und Biostrom-Nachhaltigkeitsverordnungen nach­- zuweisen. Neben der Zertifizierung von Biomasse und Bioenergie lässt sich der Standard jedoch auch für die Nachhaltigkeitszertifizierung in den Bereichen Nahrungs- und Futtermittel sowie der chemischen Industrie nutzen. Darunter fällt auch die Zertifizierung von nachhaltigem Palm(kern)öl (ISCC PLUS), das Unternehmen nicht als Bioenergie nutzen. Für die Zertifizierung müssen die derzeit sechzig Mitglieder sechs Prinzipien einhalten:

  • Biomasse darf nicht auf Land mit hoher Biodiversität oder hoher Kohlenstoffspeicherkapazität angebaut werden. Besonders schützenswerte Flächen (High Conservation Value, HCV) müssen erhalten bleiben.
  • Erzeuger dürfen Biomasse nur auf eine umweltfreundliche Art produzieren. Dies umfasst den Schutz von Boden, Wasser, Luft und die Anwendung von guten landwirtschaftlichen Praktiken.
  • Sichere Arbeitsbedingungen durch Fortbildungsmassnahmen, Verwendung von Schutzkleidung und angemessene, schnelle Hilfeleistung bei Unfällen.
  • Durch Biomasseproduktion dürfen keine Menschenrechte, Arbeitsrechte oder Landrechte verletzt werden. Biomasseproduktion sollte verantwortungsbewusste Arbeitsbedingungen, Gesundheit, Sicherheit und Wohlstand der Arbeitskräfte fördern und auf einem verantwortungsvollen gesellschaftlichen Miteinander basieren.
  • Biomasseproduktion soll in Übereinstimmung mit den regionalen und nationalen Gesetzgebungen erfolgen und relevante internationale Abkommen berücksichtigen.
  • Umsetzung guter Managementpraktiken.

Der

Roundtable of on Sustainable Biomaterials

(runder Tisch für nachhaltige Biomaterialien – RSB) ist eine interna­tionale Initiative, die Produzenten, Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen, Experten, Regierungen und zwischenstaatliche Gesellschaften zusammenbringt, um die nachhaltige Produktion und Verarbeitung von Biomaterialien voranzutreiben.

Der RSB vergibt seit 2008 einen Standard für nachhaltig produzierte Biomaterialien, der auf zwölf Prinzipien beruht:

  • Legalität
  • Planung, Monitoring und kontinuier­liche Verbesserung
  • Treibhausgas-Emissionen
  • Arbeits- und Menschenrechte
  • ländliche und soziale Entwicklung
  • lokale Ernährungssicherung
  • Umweltschutz, Boden, Wasser, Luft
  • Nutzung von Technologien, Input und Abfallmanagement
  • Landrechte

Berechtigte Kritik?

Jeder Standard hat aufgrund seiner Entstehungs­geschichte andere Schwerpunkte, die jedoch in verschiedener Hinsicht nicht weit genug gehen. Besonders der RSPO-Standard steht heftig in der Kritik diverser Umweltschutzorganisationen wie beispielsweise Robin Wood, die im RSPO einen Etikettenschwindel sehen. So würde der RSPO-Standard beispielsweise den Anbau auf Torfböden und die Verwendung giftiger Pflanzenschutzmittel erlauben. Experten wie Daniel May, Projektleiter Forum nachhaltiges Palmöl (FONAP) der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, GIZ, sieht dies jedoch in einem anderen Licht: «Wir beobachten beim RSPO, dass dieser eine Stakeholder-Initiative mit Produzenten ist. Malaysische und indonesische Palmölbauern haben sich mit Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Endverbrauchern zusammengesetzt, um den Standard formulieren zu können. Da es sich hier um einen Inte­ressenausgleich handelt, erfüllt der Standard in unseren Augen die Mindestanforderungen, bei denen jedoch gewisse Dinge fehlen. So sind das Anbauverbot auf Torfböden oder die Verwendung giftiger Pestizide noch nicht im Standard aufgenommen. Aber der RSPO genauso wie die anderen Zertifizierungssysteme sind ein Weg in die richtige Richtung, der jedoch bei Weitem noch nicht ausreicht.» Für den Fachmann ist die Kritik der Umweltschutzorganisatio­nen zu Recht geäussert, aber dennoch kein Schwindel. «Bisher fehlt es an einer besseren Alternative. Aber eine Zertifizierung – trotz aller Schwächen  – ist immer noch besser als eine Nichtzertifizierung. Diese Systeme müssen die jeweiligen Organisationen einfach noch weiter verbessern», so May.

Der Weg zum Ziel.

Um nun die Situa­tion im Palmölsektor zu verbessern, hat sich das Forum Nachhaltiges Palmöl, FONAP, hohe Ziele gesetzt. Durch die Selbstverpflichtung der Mitglieder – bis Ende 2014 100 Prozent zertifiziertes Palmöl einzusetzen –, sendet das FONAP ein klares Signal an die Produktionsländer, dass die Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre Verantwortung in den globalen Lieferketten wahrnehmen und die sozialen, ökonomischen und ökologischen Bedingungen in den Anbauländern verbessern wollen. Die verstärkte Nachfrage nach nachhaltig zertifiziertem Palmöl soll so mittelfristig dazu führen, dass in Europa bald nur noch vollständig segregiertes Palmöl zum Einsatz kommt. «Für das Thema Palmöl halte ich das Jahr 2016 beziehungsweise 2017 für realistisch. Durch die Selbstverpflichtung unserer Mitglieder wollen wir den 100-prozentigen Einsatz zertifizierten Palmöls erreichen. Zudem wollen wir die Anzahl der Mitglieder erhöhen und darüber die zertifizierten Mengen steuern», so der Experte. Langfristig sollen sich damit auch die Praktiken im Palmölsektor verbessern lassen. Als Verbesserungsmassnahmen in den Zertifizierungssystemen fordert das FONAP unter anderem:

  • Stopp des Anbaus auf Torfböden und anderen Flächen mit hohem Kohlenstoffgehalt
  • Stopp der Nutzung hoch gefährlicher Pestizide (Konventionen von Rotterdam und Stockholm, WHO 1a und 1b sowie Paraquat)
  • Anwendung strenger Reduktionsziele für Treibhausgase
  • Sicherstellung, dass zertifizierte Palmölmühlen beim Bezug von nicht-zertifizierter Rohware (Fresh Fruit Bunches) diese ausschliesslich aus legalem Anbau beziehen
  • mehr Transparenz im Beschwerdeverfahren

Diese Ziele sollen mittelfristig zu erreichen sein. Mit Fortbildungsveranstaltungen, Seminaren und der gemeinsamen Erarbeitung von Kommunikationsricht­linien und -leitlinien unterstützt das FONAP seine Mitglieder. Unternehmen, die sich bisher diesem brisanten Thema noch nicht gewidmet haben, können dies jedoch jederzeit tun. Wer einen Standard ins Haus holen will, kann beim FONAP Unterstützung anfordern. «Wir helfen Unternehmen aktiv auf dem Weg der Umstellung von nicht zertifiziertem zu zertifiziertem Palmöl. Hier gibt es verschiedene Optionen, die wir zusammen mit den Unternehmen schrittweise machen können», sagt Daniel May.


Weitere Informationen:
Forum nachhaltiges Palmöl (FONAP)
www.forumpalmoel.org
RSPO: www.rspo.org
ISCC: www.iscc-system.org
Rainforest Alliance:
www.rainforest-alliance.org/de
RSB: http://rsb.org



Palmöl ist nicht gleich Palmöl. Wer den Umweltschutz ernst nimmt, sollte das Pflanzenöl aus zertifiziertem Anbau verwenden


Die faire Bezahlung der Palmölbauern ist eine von vielen Forderungen, die Umweltschutz­organisationen an Zertifizierungssysteme stellen

Situation in der Schweiz

Viele Unternehmen verwenden bereits zertifiziertes Palmöl. In der Schweiz ergab ein Rating aus dem Jahr 2013 der grössten Umweltorganisation der Schweiz, WWF, dass 60 Prozent der befragten Unternehmen RSPO-zertifiziertes Palmöl verwenden. Doch immer noch ist der Anteil jener Firmen zu hoch, die Palmölzertifikate dem physisch zertifizierten Palmöl vorziehen. Der Handel mit Zertifikaten hat zur Folge, dass physisch zertifiziertes Palmöl irgendwo auf der Welt in einem Produkt landet, aber nicht im Endprodukt der Unternehmen. Deshalb ist der Weg über Zertifikate gemäss WWF nur der zweitbeste. Das Ziel der Umweltorganisa­tion sieht anders aus:

  • Bis spätestens 2015 sollen alle Betriebe zu 100 Prozent auf physisch zertifiziertes Palmöl umstellen
  • Auch bei Palmkernöl und Derivaten sollen Firmen nur zertifizierte Ware kaufen
  • Nur noch von Lieferanten kaufen, die weiterführende WWF-Kriterien, wie ein Verbot von Plantagen auf Torfböden, erfüllen
  • Palmölprodukte kennzeichnen, sodass Konsumenten bewusstere Kaufent­scheidungen treffen können
  • Aktiv als Mitglied bei der Ausrichtung des RSPO mitarbeiten und als Käufer auch konstruktive Kritik äussern