Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Materialfluss und Logistik: Ausgabe 05/2015, 11.05.2015

Fahrerlos, aber keineswegs kopflos

Käsereien sind heute Betriebe, die technisch modern ausgestattet sind. So auch die Obersteirische Molkerei. Hier übernimmt seit 2014 ein fahrerloses Transportsystem (FTS) im neuen Reifezentrum vielfältige, vollautomatische Aufgaben.

Autor: Dipl.-Ing. Wolfgang Degenhard

Die Käseherstellung hat in der Obersteiermark Tradition. Im Zentrum der Milchwirtschaft dieser Region trifft bei der Obersteirischen Molkerei eGen – kurz OM – Überlieferung auf Innovation. Was im Jahr 1930 durch die Zusammenarbeit von vielen kleinen regionalen Molkereigenossenschaften in Mur- und Mürztal entstand, ist heute ein Leitbetrieb für die gesamte Region.

Eines der Standbeine der Molkerei ist neben der Frischmilchproduktion (Frischmilch, Joghurt, Schlagsahne, Sauerrahm) die Herstellung von Hart- und Schnittkäse. Etwa 5000 Tonnen der geschätzten Käsespezialitäten stellt die Molkerei in einem Jahr her. Für die optimale Reifung steht ein vollautomatisches Lager zur Verfügung, in dem die Käselaibe ihr sortentypisches Aroma entwickeln können.

Investition in die nahe Zukunft.

Aufgrund der Aufhebung der Milchquote erwartet die Molkerei eine Milchmehrproduktion von etwa 15 Prozent. Daher entstand in Spielberg rechtzeitig ein neues Kühl-, Reife- und Verpackungszentrum für Käse in einem Gesamtwert von 10 Millionen Euro. Das Reifezentrum mit seinen drei Reiferäumen in der ersten Ausbaustufe und der Käsepflegeanlage nahm im April 2014 seinen Betrieb auf. Das neue Reifezentrum des Käsespezialisten ist mit moderner Lager- und Transporttechnik der MLR-Gruppe ausgestattet. «Vor der Realisierung haben wir uns genau über die materialflusstechnischen Gegebenheiten informiert», berichtet Siegfried Bärnthaler, OM-Betriebsleiter, «und uns dabei auch das Reifelager der ‹Käserebellen› in Steingaden im Allgäu angeschaut, wo bereits ein fahrerloses Transportsystem (FTS) von MLR im Einsatz ist. Diese Lösung überzeugte uns.» So nutzt die Molkerei für den Transport der Reifegestelle innerhalb des Käsereifezentrums nun auch ein fahrerloses Transportsystem.

Jeder der gleich grossen Reife­räume ist als Blocklager konzipiert, das in Längsrichtung von einem Mittelgang durchzogen ist. Vom Mittelgang aus werden die sogenannten Reifegestelle, in denen die Käselaibe und -blöcke auf Holzbrettern auf zehn Ebenen unter-gebracht sind, rechtwinklig zu beiden Seiten in parallelen Reihen abgestellt. Dabei stehen die Gestelle, die jeweils eine Charge darstellen, dreifach hintereinander und dreifach hoch. Jedes der Gestelle kann bis zu 3350 kg wiegen. Die Reiferäume sind zu beiden Seiten eines breiten Gangs angeordnet. Jeder Reiferaum bildet eine Klimazone und ist zu diesem Gang hin mit einem Schnelllauftor verschlossen. Die fahrerlosen Transportfahrzeuge können die Räume nur über diesen Gang erreichen und müssen das Schnelllauftor durchfahren. Sobald ein FTF ein Schnelllauftor erreicht hat, öffnet sich das Tor und schliesst sofort wieder, wenn das Fahrzeug das Tor passiert hat.

Mannigfaltige Fahrzeugaufgaben.

Die Bedienung des Kühl- und Reifelagers übernehmen zwei frei verfahrbare Transportfahrzeuge (FTF), die mit der Magnetnavigation von MLR ausgestattet sind. Es handelt sich dabei um dreirädrige Radarmstapler mit einer Hubplattform als Lastaufnahmemittel mit 3,35 t Tragfähigkeit und einer Hubhöhe von 4770 mm. Die FTF sind in der Lage, die Gestelle selbstständig von den Übergabe­positionen durch Unterfahren der Gestelle aufzunehmen, zu transportieren und wieder auf eine Übergabe­position abzusetzen. Die Beschickung und Entsorgung der Käsepflegemaschine via Fördertechnik und der Transport der Gestelle zur Konfektionierung und Verpackung obliegt ebenfalls den FTF. Die Fahrzeuge tragen jeweils ein Gestell und bringen dieses mit maximal 1,2 m/s (vorwärts beziehungsweise rückwärts) zum Zielort. Die Strecke, die die automa­­- tischen Fahrzeuge in der Anlage befahren, ist etwa 250 m lang.

«Pro Tag werden durchschnittlich sechs Gestelle aus Knittelfeld in Spiel-berg angeliefert», schildert der Betriebsleiter. «Alle Gestelle sind mit einem eindeutigen Barcode versehen. Damit lassen sie sich sowohl vom Barcode-Leser auf dem automatischen Fahrzeug bei der Lastaufnahme als auch stationär an der Käsepflegeanlage identifizieren.» Die gesamte Anlage, in der pro Stunde rund 3600 Käselaibe und -blöcke behandelt werden, ist so ausgelegt, dass sie rund um die Uhr arbeiten kann. Daher gehört zum System auch eine Lade­station, ausgestattet mit zwei Ladegeräten und einem Batteriewechselwagen zum Tauschen der entladenen gegen eine geladene 630-Ah-Bleibatterie. Der Tausch geschieht manuell in weniger als 5 Minuten.

Intelligentes Leitsystem.

Das intelligente Herzstück des OM-Reifezentrums ist das multifunktionale Logistic-Operating-System «LogOS», das der Hersteller für die Steuerung komplexer Materialflussströme entwickelte und das sich inzwischen über Jahre hinweg in vielen Anlagen bewährt hat. Das System erfasst die eingehende Ware, verwaltet den Käse im Reifelager chargenbezogen, steuert die Ein- und Auslagerförderstrecken vor und hinter der Käsepflegemaschine sowie die Schnelllauftore und sorgt für den exakten Ablauf der detaillierten Käsepflegeprogramme. Welche Behandlungen in welchen Zeitabständen erfolgen müssen, legen die jeweiligen Rezepturen fest, die ein streng gehütetes Geheimnis sind. Bei der Einlagerung in das Reifezentrum bekommt jede Charge eine Rezeptur zugeordnet, die dann das Leitsystem abarbeitet. Das Gestell wird genau nach den Vorgaben der Rezeptur von den FTF an die Käsepflegemaschine übergeben, dort behandelt und anschlies­send wieder von einem FTF in einen Reiferaum eingelagert.

Das Leitsystem verfügt über eine Rezepturverwaltung. So können Fachleute mithilfe eines Dialogs Rezepturen anlegen, modifizieren und wieder löschen. Die Zuordnung einer Rezeptur zu einem Gestell erfolgt durch einen OM-Mitarbeiter. Das System generiert auch sämtliche Transportaufträge für die automatischen Fahrzeuge und stellt sicher, dass jede Charge entlang der logistischen Kette rückverfolgbar ist. Damit lässt sich später feststellen, wer, wann und wo die Ware erhalten, hergestellt, verarbeitet, gelagert und transportiert hat.

Die Anlage ist bereits jetzt schon sehr gut ausgelastet, daher plant die Molkerei wegen des zu erwartenden, höheren Milchaufkommens eine Erweiterung des Reifezentrums mit weiteren vier Reiferäumen. «Die Zusammenarbeit mit MLR war sehr gut vorbereitet und hat bestens funktioniert. Deswegen haben wir auch MLR bereits mit der Erweiterung der Anlage beauftragt.»


Weitere Informationen:
MLR Gruppe
www.mlr.de




Die Leitsteuerung sorgt für die exakte Abarbeitung der detaillierten Käsepflege­programme