Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Wissenschaft und Forschung: Ausgabe 7-815/2015, 10.08.2015

Insekten als Lebensmittel?

Seit die Welternährungsorganisation (FAO) 2013 in ihrem Bericht das Verzehren von Insekten propagierte, griffen Schweizer Medien immer wieder das Thema der Entomophagie auf. Doch wie steht die Schweizer Bevölkerung zu Insekten als Nahrungsmittel? Dieser Frage ging eine Studie der Berner Fachhochschule, Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) nach.

Autor: Dr. Thomas Brunner Professor für Konsumentenverhalten an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften der Berner Fachhochschule HAFL

Bilder: Fotolia

Seit jeher stehen Insekten in bestimmten Ländern wie beispielsweise Thailand auf dem Speiseplan. In Europa und Nordamerika werden sie jedoch oft als schmutziges und schädliches Ungeziefer gesehen – verständlich, dass sie hierzulande keiner essen will. Die Welternährungsorganisation empfiehlt den Konsum von Insekten als nachhaltig. Doch was steckt dahinter? Insekten brauchen viel weniger Futter und Platz als beispielsweise Schweine oder Rinder, um die gleiche Menge an Proteinen zu liefern. Ausserdem erzeugen sie nur einen Bruchteil an Treibhausgasen. Das ist das Argument der Nachhaltigkeit, aber es gibt noch weitere Argumente für den Konsum. Aus Insekten gewonnene Proteine sind hochwertig und auch der Fettgehalt ist deutlich geringer als der von Schweinen oder Rindern. Auch preislich könnten Insektenproteine interessant werden, sobald sich die Produktion in industriellem Massstab betreiben lässt. Aufgrund des zunehmenden Wohlstandes in zahlreichen Schwellenländern ist davon auszugehen, dass die Nachfrage nach Fleisch (Poulet, Schwein, Rind) steigen wird und es zu einer Verknappung kommt. Dies würde dazu führen, dass die Preise sich erhöhen, was aus Insekten gewonnene Proteine noch einmal interessanter machen würde. Und schliesslich sollen Insekten auch geschmacklich neue sensorische Welten eröffnen. Sie bieten ein knusprig-zartes Mundgefühl und schmecken nussig mit Noten von Kaviar, Mais oder Avocado.

Verhaltene Nachfrage.

Tatsächlich bieten grosse Supermarktketten in Holland und Belgien schon Produkte mit Insektenproteinen an. Und der Verkauf dieser Produkte liegt über den Erwartungen der Detailhändler. Nächstes Jahr soll der Verkauf von Insekten für die menschliche Ernährung auch in der Schweiz erlaubt werden (allerdings ist noch ungewiss, ob auch in verarbeiteter Form oder nur am Stück) und mit dem Ja der Behörden werden wohl auch die ersten Produkte in den Regalen stehen. Unter der Federführung von Thomas Brunner, Professor für Konsumentenverhalten an der BFH-HAFL, haben Wissenschaftler eine umfassende Bevölkerungsbefragung in der Deutsch- und Westschweiz durchgeführt, um herauszufinden, wie Schweizer Konsumenten auf die vier Argumente – Nachhaltigkeit, Gesundheit, Preis und Geschmack – ansprechen werden. Die 2400 Versandadressen haben die Experten zufällig aus dem Telefonbuch gezogen, um ein möglichst repräsentatives Abbild der Schweizer Bevölkerung zu erhalten. Die Erhebung der Daten fand über einen Zeitraum von 6 Wochen im Februar/März 2015 statt. Nach der Datenbereinigung blieben 548 ausgefüllte Fragebogen für die Auswertungen.

Gezielte Umfrage.

Bei jedem der vier Argumente fragten die Wissenschaftler, ob diese Argumentation sinnvoll ist und ob dieser Aspekt einen dazu bringen könnte, regelmässig aus Insekten gewonnene Proteine zu essen. Zur Beantwortung stand eine 6er-Skala mit den Endpunkten «Trifft gar nicht zu» bis «Trifft sehr zu» zur Verfügung. Daraus wird ersichtlich, dass die Befragten über beide Sprachregionen gesehen der Sinnhaftigkeit der Argumente grundsätzlich eher zugestimmt haben als der Frage nach dem Einbinden in die Ernährung. Die beiden Argumente Nachhaltigkeit und Gesundheit erhalten die höchste Zustimmung sowohl bei der Sinnhaftigkeit wie auch bei der Einbindung. Vor dem Hintergrund der Unterschiede in den Sprachregionen fällt auf, dass die Romandie grundsätzlich offener gegenüber dem Konsum von Insekten ist als die Deutschschweiz. Ein interessantes Detail findet sich bei der Sinnhaftigkeit bezüglich des Geschmacks. Der Unterschied zwischen Deutsch- und Westschweiz ist hier am grössten. Der Geschmack scheint in der Romandie eine wichtigere Position einzunehmen als in der Deutschschweiz. Bei der Einbindung in die Ernährung ist dieser Unterschied allerdings wieder im normalen Bereich.

Die Umfrageteilnehmerinnen und –teilnehmer beantworteten auch die Frage, ob sie schon einmal, beispielsweise im Urlaub, Insekten gegessen haben. Rund 16 Prozent der Befragten bejahte diese Frage. Zwei Drittel der Insektenesser gaben als Hauptgrund dafür reine Neugierde an. Ein kleiner Teil (9 Prozent) hat sich dazu verleiten lassen, weil andere auch gegessen haben. Die restlichen Gründe sind sehr verschieden und reichen von einem Versehen über «aus Höflichkeit» bis zu ganz einfach Hunger. Auf die Frage, warum sie nicht öfter Insekten essen, gab erstaunlicherweise rund ein Viertel an, dass dazu die Gelegenheit fehle, da Lebensmittel aus Insekten bei uns nicht erhältlich sind. Demgegenüber steht allerdings ein anderes Viertel, denen der einmalige Konsum völlig ausreichte oder die es schlicht ekelte noch einmal zuzubeissen. In Bezug auf diese Angaben der Personen, die mindestens einmal Insekten konsumiert haben, liessen sich keine Unterschiede in den Sprachregionen ausmachen. Auch die Personen, die noch nie Insekten konsumiert haben, befragte das Forscherteam bezüglich ihrer Motivation. Ekel ist bei 44 Prozent der Grund, warum sie noch nie probiert haben. Fast ein Drittel gibt an, dass sie keine Gelegenheit gehabt hätten. Dies lässt aufhorchen, wenn davon auszugehen ist, dass diese Befragten zugreifen würden, falls das Angebot bestünde. Schliesslich sagten 14 Prozent schlicht, dass sie richtiges Fleisch bevorzugen würden. Auch hier gab es eine Reihe von weiteren Gründen, die die Teilnehmer aber nur vereinzelt genannt haben, wie Angst vor Krankheiten oder dass sie nicht gerne Unbekanntes essen.

Haben Sie schon einmal Insekten gegessen?

Aus welchem Grund würden diese abstinenten Personen am ehesten Insekten essen? Gut ein Drittel gab Neugierde an oder «etwas Verrücktes machen». Die Nachhaltigkeit und die Gesundheit haben die Teilnehmenden zu 10 Prozent genannt, aber dies könnte auch darauf zurückzuführen sein, dass Informationen diesbezüglich am Anfang der Umfrage genannt wurden. Ebenfalls rund 10 Prozent nannte eine Notsituation, wenn es zum Überleben notwendig wäre. Und eine Person würde Insekten nur gegen sehr, sehr hohe Barbezahlung essen! Auch hier lies-sen sich keine Unterschiede in den Sprachregionen finden.

Eine Reihe von weiteren Aussagen, für welche das Team um Brunner die Zustimmung wiederum auf einer 6er-Skala erhoben hat, brachten folgende Ergebnisse zu Tage: Die meisten befragten Personen haben schon von der Thematik Entomophagie gehört. In der Romandie ist dies stärker der Fall als in der Deutschschweiz. Die Medienpräsenz schlägt sich also in einer Sensibilisierung der Bevölkerung nieder. Personen aus der Romandie können es sich eher vorstellen, verarbeitete, nicht erkennbare Mehlwürmer zu essen als Personen aus der Deutschschweiz. Diese Tendenz findet sich auch bei nicht erkennbaren Heuschrecken und Raupen. Bei erkennbaren Insekten gibt es diesen Unterschied in den Sprachregionen nicht mehr. Grundsätzlich ist die Akzeptanz, erkennbare Insekten zu konsumieren, deutlich kleiner als die Akzeptanz von Produkten, bei denen Insekten nicht mehr erkennbar sind (zum Beispiel Brotaufstrich, Burger oder Füllung von Ravioli). Die kleinere Akzeptanz in der Deutschschweiz könnte von der Angst herrühren, mit dem Konsum von Insekten eine Krankheit aufzulesen. Denn auch da findet sich ein Unterschied in den Sprachregionen.

Kein leichtes Unterfangen.

Das Ergebnis der Umfrage zeigte deutlich, dass Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten nur wenig Interesse an Insekten als Nahrungsmittel haben. Die Befragten könnten sich über die Nachhaltigkeit und die Gesundheit noch am ehesten für die Entomophagie begeistern, wobei in der Romandie auch die Beschreibung des Geschmacks eine wichtige Rolle spielen kann. Klar ist jedoch, dass die Vermarktung von Insekten in der Schweiz kein leichtes Unterfangen wird. Nur ein Teil der Bevölkerung wird sich zu Beginn auf das Wagnis einlassen und selbst dann nur aus Neugierde. Damit es zu einem zweiten Mal kommt und Lebensmittel aus Insekten in den Speiseplan integriert werden, muss dieses erste Mal überzeugend sein, und zwar vor allem geschmacklich. Nur so wird ein kleiner Teil beginnen, Insekten regelmässig zu konsumieren. Es ist anzunehmen, dass sich dann die Entomophagie langsam etabliert und der Anteil an Konsumenten immer grösser wird. Es scheint, dass über die Medien eine Sensibilisierung mit dem Thema stattfindet, die in der Romandie schon etwas weiter vorangeschritten ist als in der Deutschschweiz. Diese Beschäftigung mit dem Thema braucht zwar Zeit, führt aber zu einer höheren Akzeptanz gegenüber Entomophagie. Wer Insekten-Produkte vermarkten will, kann von dieser Sensibilisierung profitieren, sollte aber trotzdem behutsam vorgehen und in einem ersten Schritt Produkte ohne sichtbare Insekten anbieten.




Diese Abbildung zeigt die Ergebnisse getrennt nach Deutsch- und Westschweiz


Anteile der befragten Personen, die noch nie, ein Mal oder mehrmals Insekten gegessen haben