Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 12/2016, 06.12.2016

Know-how aus Gümligen für Food Safety in Namibia

Das Hilfsprojekt B360 education partnerships fördert den Aufbau von Fachwissen im südlichen Afrika. Grosses Engagement erhält die Non-Profit-Organisation dabei von Fachkräften, Firmen und Gastfamilien in der Schweiz, wie das Beispiel von Haco zeigt.

Autor: Sibylle Ambs-Keller

Bilder: Sibylle Ambs-Keller

Der Lebensmittelhersteller Haco mit Sitz in Gümligen bei Bern, beschäftigt weltweit rund 900 Mitarbeitende. Das unabhängige Familienunternehmen produziert massgeschneiderte, innovative Food-Produkte für eine internationale Kundschaft. Die Produktepalette reicht dabei von Getreideriegel über Suppen, Saucen, Würzen und Fertiggerichten bis hin zu Kaffee und Frühstückgetränken. Zwei Drittel der Produktion gehen über die Absatzkanäle Detailhandel, Foodservice (Gastronomie) und Lebensmittelindustrie in die ganze Welt.

Qualitätsmanagement und Food Safety stehen selbstverständlich an oberster Stelle. David Oberholzer, Leiter Qualitätssicherung von Haco: «Wir legen grossen Wert auf gleichbleibend hohe Qualität. Um diese sicherzustellen verfügen wir über ein umfassendes Qualitätsmanagement, das unter anderem das Lebensmittelrecht, Hygienethemen, das Spezifikationswesen sowie die Betreuung von Labels umfasst. Zudem führen unsere Fachleute in den gut ausgerüsteten Labors der Qualitätskontrolle viele verschiedene Analysen durch. Unser gesamtes Q-System lassen wir regelmässig durch Zertifizierungs- und Kundenaudits überprüfen.»

Von Windhoek nach Gümligen.

Für die Zusammenarbeit mit der Entwicklungsorganisation B360 education partnerships sind vor allem die Bereiche Mikrobiologie und Analytik von Haco interessant. Die Non-Profit-Organisation arbeitet unter anderem mit der University of Science and Technology (NUST) in Windhoek, Namibia, zusammen. Im Rahmen ihres Programmes «Südwärts» rekrutiert B360 europäische Fachkräfte und Dozenten, die während rund drei Wochen einen ehrenamtlichen Lehrauftrag zum Beispiel im Bereich Lebensmitteltechnologie und -wissenschaft an der NUST in Windhoek übernehmen. Im Programm «Nordwärts» von B360 erhalten ausgewählte Studierende (die Besten ihres Jahrganges) in Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnerfirmen und Gastfamilien in der Schweiz die Chance zu einem dreimonatigen Praktikum in einem geeigneten Unternehmen.

So kam die 22-jährige Studentin Mercy Haindongo aus einem Township in Windhoek im August 2016 in die Schweiz. Mercy war eine von vier Praktikanten aus Namibia und wohnte bei einer Gastfamilie in Bolligen. Ihr Gastvater ist ebenfalls ehrenamtlicher Dozent im Bereich Management an der Universität in Windhoek. Mercy studiert im 4. Jahr Lebensmitteltechnologie und -wissenschaft und plant später im Bereich Lebensmittelsicherheit in Namibia tätig zu sein. «Aufgrund ihrer beruflichen Ziele haben wir Mercy hauptsächlich in der Mikrobiologie und am Schluss noch in der Analytik eingesetzt», so David Oberholzer.

Die ersten beiden Monate arbeitete Mercy im Mikrobiologischen Labor im Tagesgeschäft mit, nahm Proben entgegen, untersuchte diese und wertete sie aus. Die Ergebnisse erfasste sie – mit etwas Hilfe wegen der Sprachbarriere – im System. «Wir redeten zusammen deutsch, mit Mercy aber natürlich englisch. Das ist aber weder für das Team noch für mich ein Problem – im Gegenteil, es ist eine grosse Bereicherung und es gab keine Verständigungsschwierigkeiten.»

Tiefe Einblicke, nachhaltiges Wissen.

Mit welchen Erwartungen blickte David Oberholzer dem Projekt entgegen? «Mercy ist bereits die dritte Studentin, die aus Namibia zu uns kommt. Von dem her wussten wir, was uns erwartet», erklärt er. «Beim ersten Mal war es natürlich schon anders. Uns hat aber B360 bereits im Vorfeld gut vorbereitet und informiert. Die Experten haben uns beispielsweise darauf aufmerksam gemacht, dass es in Namibia aus Gründen des Respekts nicht üblich ist, älteren Menschen Fragen zu stellen. So haben wir darauf geachtet, den Studentinnen eine jüngere Person als Ansprechpartner an die Seite zu stellen.» In fachlichen Belangen gibt es keine Unterschiede zu Praktikanten aus anderen Ländern: «Studenten aus der Schweiz starten ihr Praktikum bei uns mit den gleichen Vorkenntnissen.»

Mercy integrierte sich schnell und wurde fester Teil des Teams. David Oberholzer ist überzeugt, mit dem Projekt B360 einen nachhaltigen Beitrag zum besseren Aufbau von Fachwissen in Afrika beizutragen: «In anderen Hilfsprojekten reisen wir aus unseren hochentwickelten Ländern nach Afrika und erzählen den Menschen vor Ort, wie sie was machen müssen. Die Idee dieses Projektes hingegen ist, dass die Studierenden bei uns vor Ort einen direkten Einblick erhalten. Sie bekommen in den Unternehmen ihre eigenen Aufgabenbereiche, für die sie verantwortlich sind. So können sie viel lernen. Dieses Wissen nehmen sie mit in ihre Heimat. Natürlich funktioniert nicht alles, was sie hier lernen, auch genau gleich in ihrem Heimatland. Aber sie erhalten fundierte Einblicke und können das Gelernte in übertragener Form zu Hause umsetzen.»

Fehlende Richtlinien im eigenen Land.

Für Mercy sind die drei Monate in der Schweiz eine grosse Chance, ihrem beruflichen Ziel einen Schritt näher zu kommen: «Bei uns in Namibia gibt es nahezu keine festen Richtlinien im Bereich Food Safety. Wenn ich die Bestimmungen hier in der Schweiz sehe, kann ich es kaum glauben. Alles ist frisch zubereitet und darf nicht genmanipuliert werden. In Namibia gibt es zwar einige wenige Vorschriften, die beziehen sich aber hauptsächlich auf den Export der Nahrungsmittel. Die Produkte für das Inland unterstehen sehr wenigen Sicherheitsregeln.» Deshalb will Mercy später als Lebensmittelinspektorin tätig werden. «Es braucht Aufklärung. Ich glaube, unserer Regierung ist nicht klar, wie wichtig Food Safety für das Land und die Gesundheit der Bevölkerung ist.»

Und was nimmt Mercy neben all dem Fachwissen sonst mit aus der Schweiz in den Süden Afrikas? «Schokolade natürlich, es ist die beste, die ich je gegessen habe», meint sie mit ihrem ansteckenden Lachen. «Und ich habe viel gelernt was Planung und Zeitmanagement angeht – ich glaube, zurück in Namibia werde ich oft vergeblich pünktlich irgendwo erscheinen und frustriert auf die anderen warten müssen. Dafür kann ich morgens wieder ohne Regenschirm und warmer Jacke aus dem Haus.» Ende Oktober ging das dreimonatige Praktikum für Mercy zu Ende. Im April 2017 wird sie ihr Studium in Windhoek abschliessen und will danach weitere Lehrgänge im Bereich Food Safety absolvieren. Für die Verbesserung der Lebensmittelsicherheit in ihrem Land hat Mercy grosse Pläne und eine gehörige Portion Motivation.

 


Weitere Informationen:
B360 education partnerships
www.b360-education-partnerships.org
Die andern drei Studierenden aus Namibia konnten ein Praktikum bei Ferrum AG
Schafisheim, SQTS Courtepin und bei Zweifel Pomy Chips Spreitenbach absolvieren.

 



«Mercy hat sich sehr gut ins Team integriert.» David Oberholzer (links), Leiter Qualitätssicherung und das Labor-Team


Im Analytiklabor untersucht Mercy Haindongo die Dichte von Kaffee: «Die Schweiz ist ein sehr fortschrittliches Land, was die Lebensmittelsicherheit angeht. Ich kann hier sehr viel profitieren.»