Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Materialfluss und Logistik: Ausgabe 03/2016, 08.03.2016

Eine Fabrik auf Reisen

Zwei Fabriken an zwei Standorten sind nicht zwingend doppelt produktiv. Um Synergien nutzen, Lagerkapazitäten reduzieren und Kosten einsparen zu können, ist es sinnvoll, aus zwei eins zu machen.

Bilder: Bischofszell Nahrungsmittel AG (BINA)

Wer seine Produktion steigern und damit seine Position am Markt nicht nur behaupten sondern ausbauen will, kann mit einer bestehenden Anlage schnell an Grenzen stossen. Um dafür eine Lösung zu finden, gibt es verschiedene Optionen: eine zweite Anlage bauen oder ein komplettes Unternehmen dazu kaufen. Die Geschäftsleitung von Bischofszell Nahrungsmittel BINA hat sich 2014 zum Kauf des Unternehmens Schweizer Getränke in Obermeilen entschieden. Doch um die Synergien voll nutzen zu können, war es notwendig, aus zwei eigenständigen Betrieben einen grossen zu machen.

Der Umzug von Mensch, Fabrik, Technik und Prozessen von Obermeilen nach Bischofszell ist allerdings eine Mammutaufgabe, die viel Planung, Organisation, Know-how und Fingerspitzengefühl verlangt.

Der Mensch steht im Mittelpunkt.

Wenn aus zwei Unternehmen ein grosses wird, dann hat das in erster Linie Auswirkungen auf die Belegschaft. «Die Verlegung eines Produktionsstandorts bedeutet für viele langjährige Mitarbeiter eine grosse Umstellung, denn ihr Arbeitsbereich ist nicht mehr in der gewohnten Umgebung. In unserem Fall bedeutet das einen täglichen Arbeitsweg von zweieinhalb Stunden, im Vergleich zu den kurzen Wegen von früher. Das ist ein grosser Einschnitt, den längst nicht alle Mitarbeitenden bereit sind zu tragen oder aus familiären Gründen nicht akzeptieren können», sagt Markus Lüssi, Business Unit Leiter Fruits bei BINA. In diesem Zusammenhang ist der Transfer von Know-how besonders wich- tig und eine Herausforderung. Das Wissen zu Spezialprodukten, die nicht so häufig auf dem Produktionsplan stehen, ist eng mit der langjährigen Erfahrung der Spezialisten verbunden, das leicht verloren gehen kann. Gerade im Marmeladebereich müssen die Produkte verschiedene Anforderungen erfüllen. So sind beispielsweise die Fliesseigenschaften für die verschiedenen Anwendungen wichtig, wie auch die Verarbeitbarkeit. Obwohl ein grosser Teil des Know-hows in der Rezeptur abgebildet ist, ist vor allem in der Produktion ein grosses Fachwissen erforderlich. Früchte als Naturprodukt haben einen grossen Einfluss auf die Produktion. Deshalb ist das Wissen der Mitarbeitenden an der Linie wichtig, um den Herstellungsprozess entsprechend der gewünschten Produkteigenschaften beeinflussen zu können.

Eine gute Planung ist die halbe Miete.

Wenn eine Anlage für gewisse Zeit in der Produktion ausfällt, ist es besonders wichtig, diesen Engpass geschickt zu organisieren. Ein Schritt ist die Aufteilung in Umzugsetappen, ein zweiter die Einteilung der Produktgruppen zu den jeweiligen Etappen. «Die Planung des Umzugs begann im August letzten Jahres. Dazu haben wir mit allen betroffenen Kunden gesprochen und sie der jeweiligen Gruppe zugeordnet. Die erste Etappe betrifft die Segmente Marmelade, Konfitüre und Gelees. Unter Berücksichtigung der Bestellungen vom Vorjahr und der Einplanung der Vorausbestellung der Kunden haben wir einen Plan für die Vorproduktion entwickelt. Zudem ist es noch wichtig, die Haltbarkeit der Waren zu berücksichtigen. So haben wir Anfang November mit der Vorproduktion begonnen und zusätzliche Lager angelegt. Bis Ende Januar haben wir voll durchproduziert und können jetzt den ersten Umzug machen», so der Fachmann.

Technik im Einklang.

Damit auch die Technik den richtigen Weg findet, zerlegen Experten die Anlage in ein bis drei Tonnen grosse Stücke, die Tieflader sicher an Ort und Stelle bringen. Doch damit alles wieder zusammen passt und sich nahtlos in die bestehende Anlage einfügt, bedarf es der Hilfe von Experten. So übernimmt beispielsweise Tetra Pak Processing die Systemanbindung. «Wir arbeiten mit Steuerungen die über SAP laufen. Das war in Obermeilen aber anders organisiert, so dass wir jetzt vieles neu einrichten und über Schnittstellen verbinden müssen», erklärt der Business-Unit-Leiter. Auch wenn am neuen Standort der nötige Platz vorhanden ist, sind dennoch bauliche Massnahmen erforderlich. So versetzen Fachleute Wände, bauen neue, montieren Tore und legen neue Transportwege an. Das Resultat ist eine Fabrik, in der alle Arbeitsschritte nahtlos ineinander übergehen und ein optimales Produkt ergeben.

Ziel erreicht.

Der erfolgreiche Ab- schluss der ersten Etappe lässt die Verantwortlichen der BINA entspannt den beiden folgenden Umzügen entgegensehen. «Dank unserer Mitarbeiter, Kunden und Partner, werden wir auch die anderen Etappen meistern. Für Ende 2016 haben wir den zweiten Teil geplant, bei dem die komplette Fruchtgrundstoffproduktion nach Bischofszell umzieht. Der Rest folgt dann 2017», so Lüssi.

Dann hat ein grosses Projekt ein gutes Ende gefunden, dank dessen BINA dann die geschaffenen Synergien voll nutzen kann. Das spart nicht nur Zeit sondern auch Geld und Lagerkapazität.


Weitere Informationen:
Bischofszell Nahrungsmittel AG, www.bina.ch






Beim Umzug einer kompletten Fabrik kommt es auch auf Details an. Damit später alle Maschinenteile wieder am richtigen Platz sitzen,
dokumentieren die Mitarbeiter jeden Arbeitsschritt. Dabei nummerieren sie die einzelnen Teile, die sich so wieder zusammensetzen lassen


Gut gesichert, gehen Kochkessel und Co. auf die Reise

Partner beim Fabrikumzug: Bühler, Etavis-Grossenbacher AG, Hardegger, Instaplan, KASAG AG, Krämer, Metallbearbeitung AG, TECIT, TECO, Tetra Pak Processing, Scheco, SOAG