Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Wissenschaft und Forschung: Ausgabe 03/2016, 08.03.2016

Forschung für die Schweizer Landwirtschaft

Die einheimische Landwirtschaft ist ein wichtiger Stützpfeiler für die Schweizer Lebensmittelindustrie. Sie liefert wertvolle Rohstoffe, die Betriebe zu hochwertigen Lebensmitteln verarbeiten. Damit die Schweizer Agronomie weiterhin zur Ernährung der Bevölkerung beitragen kann, sind wissenschaftliche Innovationen nötig. Das BFH-Zentrum Nahrungsmittelsysteme liefert dazu wertvolle Beiträge.

Autor: Peter Spring, Leiter Abteilung Agronomie, Leiter BFH-Zentrum Nahrungsmittelsysteme

Bilder: BFH-HAFL

Die Landwirtschaft muss Nahrungsmittel produzieren, die gesund, qualitativ gut und schmackhaft sind. Nur so wird Essen zum Genuss, unabhängig ob die Produkte in ihrer ursprünglichen Form oder nach der Verarbeitung durch die Lebensmittelbranche konsumiert werden. Neben den vielseitigen Anforderungen an die Produktqualität muss die Schweizer Landwirtschaft hohe ökologische Standards erfüllen. Eingesetzte Produktionsmittel müssen Landwirte möglichst effizient nutzen. Der Boden ist in der Schweiz ein sehr knappes Gut. Wir besitzen nur fünf Aren Ackerland pro Einwohner. Österreich besitzt das 3-Fache, Frankreich das 6-Fache oder die USA gar das 10-Fache bezogen auf die Bevölkerung. Daher sind wir besonders gefordert, unseren Boden gut zu schützen und dessen Fruchtbarkeit durch schonende Anbaumethoden und Erosionsschutz zu erhalten. In der Tierhaltung gilt es zusätzlich, hohen ethischen Anforderungen bezüglich Tierwohl gerecht zu werden. Zudem muss die gesamte Primärproduktion sozial vertretbar und wirtschaftlich tragbar sein.

Optimierung und Innovation.

Durch die verschiedenen Anforderungen an die Landwirtschaft ergeben sich viele Zielkonflikte. Zum Beispiel führen Verbesserungen im Tierschutz, wie Auslaufflächen an der frischen Luft, zu höheren Ammoniakemissionen. Der Verzicht auf ein Beizmittel in der Kartoffelproduktion kann zu Schädlingsfrass und dadurch zu geringerem Ertrag und verminderter Qualität führen. Durch bestehende Zielkonflikte und neue Ziele braucht es eine ganzheitliche Betrachtung, um landwirtschaftliche Produktionssysteme zu optimieren. Als relativ teurer Standort muss die Schweiz in puncto Produktqualität führend sein und braucht laufend Innovationen, um die Nachhaltigkeit ihrer Produktionssysteme weiter zu entwickeln. Die agronomische Forschung des BFH-Zentrums Nahrungsmittelsysteme setzt hier an. Sie befasst sich ganzheitlich und disziplinenübergreifend mit aktuellen Herausforderungen, sucht für punktuelle Fragen nach spezifischen Lösungen und entwickelt zusammen mit innovativen Landwirten und Organisationen den Anbau neuer oder den Wiederanbau alter Kulturen in der Schweiz. Im Folgenden stellt das Fachteam exemplarisch einzelne Projekte vor.

Die andere Milch von der Kuh auf der Wiese.

Mit der Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion haben graslandbasierte Milchproduktionssysteme in vielen Regionen der Welt an Bedeutung verloren. Diese Entwicklung ist seit einigen Jahren auch in der Schweiz, einem ausgesprochenen Grasland, zu beobachten. Mit der Verfütterung von zunehmenden Mengen an Mais und Kraftfutter versuchen Landwirte, die Einzeltierleistung zu steigern. Dies geschieht in der Regel auf Kosten des Wiesenfutteranteils in der Ration. Durch die Schaffung des Labels «Wiesenmilch» versucht die Landwirtschaft in der Schweiz deshalb seit einiger Zeit Milch, die fast ausschliesslich auf Basis von Wiesenfutter entstanden ist, zu vermarkten. Ziel ist die Schaffung eines Mehrwertes für die Produzenten. In verschiedenen Projekten untersucht die BFH-HAFL in Zusammenarbeit mit anderen Partnern, welches die spezifischen Mehrwerte von Wiesenmilch und graslandbasierten Milchproduktionssystemen sind. Im Fall der Wiesenmilch konnten die Forscher zeigen, dass sich Wiesenmilch in Bezug auf die Fettsäurenzusammensetzung deutlich von Milch unterscheidet, die mit einem hohen Kraftfuttereinsatz produziert wurde. In weiterführenden Arbeiten untersucht das Forschungszentrum nun, inwiefern auch weitere Inhaltsstoffe die Fütterung beeinflussen und welche produktionstechnischen Massnahmen sichergestellt werden müssen, damit sich Wiesenmilch eindeutig von konventioneller Milch unterscheiden lässt.

Bekämpfung von Schaderregern im Kartoffelanbau.

Die Qualität der Erzeugnisse von Ackerkulturen hängt von vielen Faktoren ab – neben Klima und Boden sind dies vor allem das Pflanzgut, die Sortenwahl, der Pflanzenschutz, die Düngung und Lagerung. Die Forschung des BFH-Zentrums Nahrungsmittelsysteme widmet sich sowohl Hauptkulturen wie Weizen oder Zuckerrüben, als auch Nischenprodukten wie Hopfen oder Braugerste. Eine besondere Expertise weist das Zentrum im Kartoffelbau aus (Pflanzgut, Speise- und Veredelungskartoffeln), bei dem die Wissenschafter/innen eng mit europäischen Forschungspartnern zusammenarbeiten. Sie ermitteln die Einflüsse, die für die Produktqualität relevant sind und entwickeln Massnahmen, um Qualität und Produktionssysteme zu optimieren. Dabei kommen moderne Methoden zur Anwendung – etwa die PCR-Diagnostik. Diese entwickeln die Experten weiter, um Pflanzenkrankheiten oder Schädlinge nachzuweisen.

Ein Beispiel dafür ist die integrierte Bekämpfung von Schaderregern in der Kartoffelproduktion. Fäulnis erzeugende Bakterien zum Beispiel, verursachen hier grosse Schäden und ökonomische Verluste. Forschende des BFH-Zentrums Nahrungsmittelsysteme haben kürzlich zwei pektinolytische Bakterien in der Schweiz nachgewiesen und eine Methode entwickelt, mit der sich künftig befallenes Pflanzgut von vornherein entfernen lässt. Derzeit entwickeln sie zudem innovative Strategien in Labor- und Feldversuchen, um den Drahtwurm im Kartoffelanbau zu bekämpfen.

Malz aus der Schweiz.

Seit der Auflösung des Schweizer Bierkartells 1991 ist im Biermarkt ein Trend hin zu Regionalität festzustellen. Heute sind 574 Brauereien registriert, die mit Innovationsgeist und Kreativität eine Vielfalt von Biersorten herstellen. Malz – der wichtigste Rohstoff für die Bierherstellung – stammt aber auch in regionalen Produkten fast zu hundert Prozent aus dem Ausland. Es fehlt sowohl an genügend Schweizer Braugerste, so wie an einer heimischen Anlage zur Verarbeitung von Gerste zu Malz. Der Trend zu mehr Regionalität im Biermarkt eröffnet eine Chance, die Malzproduktion, die in den 80er Jahren in der Schweiz eingestellt wurde, wieder zu entwickeln. Verschiedene regionale Brauereien sowie Landwirte/innen aus der Region Bern-Solothurn haben die Interessengemeinschaft IG Mittelland Malz gegründet. In Zusammenarbeit mit der BFH-HAFL wollen sie wissenschaftlich geprüfte Lösungen finden, um künftig Schweizer Bier rein mit inländischen Rohstoffen brauen zu können. Agronomen/innen der BFH-HAFL führen seit 2010 Anbauversuche durch, in denen sie den Braugerstenanbau unter schweizerischen Bedingungen testen. Daraus konnten sie eine einfache und verlässliche Anbaustrategie entwickeln, die den hohen Qualitätsanforderungen der Brauereien genügen. Verschiedene Praxisbetriebe haben sie bereits umgesetzt und bauen inzwischen auf über 35ha Braugerste an. Derzeit verarbeiten Betriebe in Deutschland das geerntete Getreide zu Malz. In einem Anschlussprojekt klären Agronomen/innen in einer Umfeld- und Marktanalyse jetzt die wirtschaftlichen Grundlagen für den Aufbau einer Mälzerei in der Schweiz. Das daraus resultierende Gesamtkonzept ist auf die Regionalentwicklung und Raumplanung abgestimmt und dient als Vorlage zur Akquisition von finanziellen Mitteln.

Wissenstransfer als integraler Teil jedes Projektes.

Der Markt und die Gesellschaft erwarten, dass Fachleute Probleme umgehend lösen und Produktionssysteme rasch an veränderte Rahmenbedingung anpassen. Daher ist es essentiell, dass neues Wissen aus Projekten schnell umzusetzen. Ein Team der BFH-HAFL entwickelt Methoden, um den Wissenstransfer effizienter zu gestalten und berät und unterstützt die Forschenden, um ihre Ergebnisse adressatengerecht zu kommunizieren und dadurch die Zeitspanne zwischen Erkenntnis- gewinn und Implementierung in der Praxis zu minimieren.


Weitere Informationen:
BFH-HAFL
www.hafl.bfh.ch
Dieser Artikel ist der zweite von neun Beiträgen, die die Forschungseinheiten der Berner Fachhochschule HAFL vorstellen.