Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
20.01.2017

«Die Schweizer unterschätzen ihren Food Waste massiv»

Bei Food Waste gehören Schweizer Konsument/innen international zu den Spitzenreitern. Doch: wie lässt sich das ändern? Und: Wer trägt die Verantwortung? An einer Veranstaltung des BFH-Zentrums Nahrungsmittelsysteme diskutierten Fachleute und ein engagiertes Publikum über Gründe sowie mögliche Lösungen.

In der Schweiz landen pro Haushalt und Jahr Esswaren im Wert von über 2000 Franken im Müll. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Konsumentinnen und Konsumenten: Je nach Art der Berechnung und Definition von Food Waste beträgt ihr Anteil an der Verschwendung zwischen 45 und mehr als 50 Prozent. Den Rest teilen sich Landwirtschaft, Industrie, (Detail-) Handel und Gastronomie.
An der öffentlichen Veranstaltung «Food Waste: Die Konsument/innen in der Pflicht» Mitte Januar an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL waren sich die Fachleute rasch einig, dass das Problem sehr viel mit Verhalten und Einstellung jeder und jedes Einzelnen zu tun hat. So zitierte etwa Dominique Kohli, Vizedirektor des Bundesamts für Landwirtschaft, aus einer Studie: «Food Waste wird von den Konsumenten vorwiegend als Problem der andern wahrgenommen.»
Eigenes Verhalten oft falsch eingeschätzt. Dass das eigene Verhalten oft nicht richtig eingeschätzt wird, belegt auch eine neue Masterarbeit im Studiengang Food, Nutrition and Health an der Berner Fachhochschule: Mathilde Delley untersuchte in einer breit angelegten Umfrage bei Schweizer Haushalten, welche Konsumentengruppen zu welcher Haltung punkto Food Waste neigen. Ferner verglich sie deren Selbsteinschätzung mit einigermassen objektiven Hochrechnungen, die auf Untersuchungen von Hauskehricht fussen. Ihr Fazit: «Die Schweizer unterschätzen ihren im Haushalt verursachten Food Waste massiv – nämlich fast um das Zehnfache!»
Thomas Brunner, Dozent für Konsumentenverhalten an der BFH-HAFL, präsentierte Resultate einer eigenen Studie, in der zwei wichtige Treiber von Food Waste untersucht wurden: die Wertschätzung von Lebensmitteln einerseits und Preisreduktionen – die «Aktionen» im Detailhandel – andererseits. Die Studie habe klar gezeigt, dass Wertschätzung das Gefühl von Verantwortlichkeit erhöht, so Thomas Brunner. Dieser positive Effekt sei stärker als der negative von Preisreduktionen.
Keine einfachen Lösungen in Sicht
Was aber gegen die Verschwendung tun? Sowohl Dominique Kohli wie Mathilde Delley skizzierten Lösungsansätze oder bereits vorhandene Initiativen. Sie waren sich einig, dass die Bevölkerung für das Thema noch vermehrt sensibilisiert werden und Food Waste auch in der Bildung an Bedeutung gewinnen müsse. «Einfache Lösungen gibt es keine», brachte ein Vertreter des Detailhandels im Publikum das Problem auf den Punkt.