Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Wissenschaft und Forschung: 09.05.2016

Eiweissversorgung für die Zukunft sicherstellen

Die Proteinversorgung der Weltbevölkerung wird in den nächsten Jahren zu einer grossen Herausforderung. Um die drohende Proteinlücke zu schliessen, sind Bühler und die ETH Zürich eine enge Kooperation eingegangen. Gemeinsam wollen die Partner eine Grundlage schaffen, um alternative Eiweissquellen für eine nachhaltige Ernährung industriell nutzbar zu machen.

Autor: Burkhard Böndel Head of Corporate Communications, Bühler AG

Bilder: bild: Bühler AG

Proteine sind die Bausteine des Lebens. Jeder Erwachsene benötigt rund 60 Gramm hochwertiges Eiweiss pro Tag. Für die Ernährung der Weltbevölkerung erzeugt die Landwirtschaft jedes Jahr gut 525 Millionen Tonnen pflanzliche Proteine wie sie etwa in Mais, Reis, Weizen oder Soja vorkommen. Eine Berechnung von Bühler zeigt aber, dass bis 2050 zusätzliche 265 Millionen Tonnen Eiweiss pro Jahr benötigt werden, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Das Schliessen dieser Proteinlücke stellt eine ernste Herausforderung dar. Denn schon heute ist unsere Eiweissversorgung nicht nachhaltig, weil wir zu viel tierisches Eiweiss wie Fleisch oder Fisch konsumieren. Zwei Drittel der erzeugten Pflanzenproteine landen in den Mägen von Zuchttieren wie Rindern, Schweinen, Geflügel oder Fischen. «Intensive Landwirtschaft, Massentierhaltung und Fischerei decken unseren Proteinbedarf nicht nachhaltig und umweltverträglich ab», sagt Bühler–Technologiechef Roberts. «Wir brauchen neue, innovative Ansätze in der Eiweissproduktion und -verarbeitung. Andernfalls drohen unsere Landwirtschaftssysteme zu kollabieren», ergänzt Alexander Mathys von der ETH Zürich.

Glutenfreie Eiweisslieferanten.

Obwohl immer mehr Menschen Fleisch und Fisch essen, führt bereits kurzfristig kein Weg an der verstärkten Nutzung von pflanzlichen Proteinen für die menschliche Ernährung vorbei. Grosse Hoffnungen ruhen auf Hülsenfrüchten wie Erbsen, Linsen oder Bohnen. Die glutenfreien Proteinlieferanten erleben derzeit vor allem in Europa und Nordamerika eine Wiedergeburt, während sie in Asien und Afrika seit jeher auf dem Speiseplan stehen. Sie lassen sich auch in Reinform oder gemischt mit anderen Rohmaterialien zu Pasta, Backwaren, Snacks oder Fleischersatzprodukten verarbeiten. Solche neuartigen Erzeugnisse könnten Hülsenfrüchte für einen grösseren Kreis von Konsumenten attraktiv machen, weil diese dadurch ihre Essgewohnheiten nicht ändern müssen.

Neue Rohstoffe nutzen.

Mittel- bis langfristig müssen wir jedoch auch neue Rohstoffe nutzen. Vor allem Algen und Insekten bieten sich als hochwertige Eiweissquellen an. Mikroalgen wie Chlorella oder Spirulina (Arthrospira) konkurrieren nicht mit bestehenden Landwirtschaftsflächen, wachsen schnell und brauchen wenig Platz. Ihr hochwertiges Eiweiss lässt sich beispielsweise zu Lebens- und Futtermitteln verarbeiten. Ganze Algen und Algenextrakte sind heute schon erhältlich. Um in der westlichen Hemisphäre eine breite Masse anzusprechen, müssen Experten Produkte auf Algenbasis entwickeln, die in traditionellen Lebensmitteln einsetzbar sind, ohne deren Geschmack und Textur wesentlich zu verändern. Neben Proteinen enthalten Algen auch wertvolle mehrfach ungesättigte Fettsäuren und Farbpigmente.

Insekten als Proteinquellen.

Auch Insekten wie Mehlwürmer oder Larven von Soldatenfliegen verfügen über grosses Potential. Sie lassen sich mit industriellen Nebenprodukten oder sogar mit gewissen Abfällen füttern und sind bemerkenswert effizient: Aus 2 Kilogramm Futter bilden sie 1 Kilogramm Insektenmasse. Ein weiterer Vorteil ist der geringe Platzbedarf. Weil das Insektenmehl als Eiweissquelle dem Fischmehl ähnelt, könnte es als nachhaltige Futterquelle die Fischzucht revolutionieren und helfen, den Druck auf die natürlichen Fischbestände zu reduzieren. Insekten gelten in Asien als Delikatesse und werden auf dem Markt in einer ähnlich grossen Auswahl angeboten, wie bei uns das Fleisch beim Metzger. In Europa und Nordamerika lösen sie als Nahrungsmittel jedoch häufig Ekel aus. Wird diese Ablehnung durch die Verarbeitung etwa zu Proteinpulver überwunden und werden offene Fragestellungen aus den Bereichen Lebensmittelsicherheit, der rechtlichen Situation und der Verarbeitung, geklärt, könnten Insekten in Zukunft eine vielversprechende Proteinquelle für die menschliche Ernährung sein. «Die Vorteile von Algen und Insekten sind offenkundig. Bei der Konzeption, von integrierten Bioraffinerien für ihre Aufzucht und Verwertung ist es wichtig, dass wir bereits in einem frühen Stadium mit Technologiefirmen wie Bühler zusammenarbeiten», fasst Mathys die Motivation für die Zusammenarbeit zusammen. So bedarf es vieler Fragen darüber, wie sich Algen- oder Insektenproteine in industriellen Mengen züchten, extrahieren und verarbeiten lassen, noch der Aufklärung.