Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Wissenschaft und Forschung: Ausgabe 01-02/2017, 31.01.2017

Das Weggli und den Fünfer in der Tasche

In der Grundbildung zum Lebensmitteltechnologe/in EFZ erhalten die jungen Lernenden eine neue Facette in der Ausbildung. Sie haben dank einem neu entwickelten Modell der BMS «Natur, Landschaft und Lebensmittel» vom Strickhof die Möglichkeit integriert in ihren Blockunterricht die Berufsmaturität zu absolvieren.

Autor: Brigitt Hunziker Kempf Freie Journalistin

Bilder: Strickhof

Schon immer stand und steht er gerne in der Küche und hilft seiner Mutter, die Zutaten zu feiner Kost zu verarbeiten. Mehr über Lebensmittel erfährt Simon Hörler aus Adliswil nun in seiner dreijährigen Ausbildung zum «Lebensmitteltechnologe EFZ». Diese absolviert er bei JOWA, einer der führenden Schweizer Bäckereien. Zurzeit kümmert er sich um die Produktion von rund 14 000 Gipfeli, die die Bäckerei stündlich in Volketswil herstellt. Er lernt die Maschinen für die Produktion vorzubereiten, einzustellen, den Herstellungsprozess der Gipfeli zu kontrollieren und nach Produktionsende die Gerätschaften zu reinigen. Der 16-jährige ist seit rund drei Monaten in der Ausbildung. «Ich habe mich für den richtigen Lehrberuf entschieden», erklärt er. Er war in der Oberstufe ein guter Schüler und er hätte die Chance gehabt, ins Gymnasium zu gehen. «Ich wollte aber nach der Schule arbeiten gehen und nicht weiterhin Vollzeit die Schulbank drücken.»

Neues Lernmodel.

Dank einem neu entwickelten Berufsmaturitätsmodell der BMS «Natur, Landschaft und Lebensmittel» hat er als erster Jahrgang nun die Chance erhalten, während der Ausbildung zum Lebensmitteltechnologen EFZ parallel die Berufsmaturität-Schule zu absolvieren. Die zusätzlichen BM-Schulstunden sind neu in die 3-wöchigen Blockkurse des Berufskundeunterrichtes am Strickhof in Au-Wädenswil integriert. Nach Abschluss der 3-jährigen Ausbildung besucht der Auszubildende direkt anschliessend weiter den BMS-Unterricht – dies für fünf Monate im Vollzeitstudium mit Abschluss im Dezember. Dann bekommt er das Berufsmaturitätszeugnis zusätzlich zum Fähigkeitsausweis überreicht. Für Simon Hörler ist dies eine optimale Lösung. Er hat dank dieses Modells nach Berufsausbildungsende den Fünfer und das Weggli in der Tasche.

Für die Praxis.

Und auch Simon Hörlers Ausbildungsverantwortlicher bei Jowa, Stefan Stäheli, ist mehr als zufrieden über die neu dargebotene Chance. «Dank diesem BM-Modell können wir die schulisch Guten für unsere Ausbildung begeistern und verlieren sie nicht an die Gymnasien. Die Lernenden sind pro Jahr nur eine Woche mehr weg, als jene, die keine BM besuchen.» Denn Berufsleute mit BM-Abschluss, die später ein Studium abschliessen und zum Teil als Kaderpersonen in der Lebensmittelbranche arbeiten, sind für Stäheli sehr wertvolle Berufsleute. «Sie kennen die Branche, die Bedürfnisse der Produktion und dies seit Anbeginn ihres Berufslebens. Sie können die Entwicklung der Branche mitgestalten. Das ist doch grossartig.» Der 38-jährige Stäheli weiss, wovon er spricht. Auch er hat anno dazumal die Ausbildung zum Lebensmitteltechnologen in der JOWA absolviert und ist der Firma treugeblieben. Er hat verschiedene Aus- und Weiterbildungen abgeschlossen und ist nun seit sieben Jahren Ausbildungsverantwortlicher. Ist er auf Simon etwas eifersüchtig und hätte er vor rund 20 Jahren auch gerne die BM während der beruflichen Grundbildung absolviert? Stefan Stäheli lacht. Nein, für ihn stimme sein eigener Berufsweg. Er hofft nun aber, dass sich in naher Zukunft viele Lernende und ihre Ausbildungsfirmen für das neue BM-Modell entscheiden werden. Denn zurzeit steckt die BM-Lösung des Strickhofs in Au-Wädenswil noch in einer Pilotphase und benötigt genügend Lernende im Klassenzimmer, damit die Idee zu einem festen Bestandteil der Ausbildungswelt wird. Seinen Worten folgen eigene Taten. Bereits im November hat die Bäckerei Ausbildungsverträge mit zukünftigen Lernenden unterschrieben, die parallel die BM besuchen werden.

Auf der Karriereleiter nach oben.

Und wie sieht Simon Hörlers Berufswunsch nach seiner Ausbildungszeit aus? Der 16-jährige junge Mann muss nicht lange überlegen: «Gerne würde ich studieren – wahrscheinlich an der ETH Lebensmittelingenieur.» Bis es aber soweit ist, wird er noch einiges über die Produktion von Lebensmitteln und deren Bestandteile erfahren. Um die Gipfeli-Produktion kümmert er sich noch bis Ende Dezember, dann wird er eine interne Prüfung absolvieren und anschliessend in die Produktion der «Madeleines» wechseln. Simon Hörler strahlt: «Ja, ich freue mich jeden Tag auf’s Arbeiten!»

  • Im neuen BM-Modell wird der Unterricht in die bestehenden Unterrichtsblöcke integriert. Zusätzlich zu diesen Unterrichtsblöcken sind je nach Ausbildungsjahr 1-3 zusätzliche BM-Blöcke à je einer Woche eingeplant. In den blockfreien Zeiten findet kein Unterricht statt. Diese Zeiten stehen vollumfänglich für die betriebliche Ausbildung zur Verfügung.
  • Das neue BM-Modell ist auch für die Lernenden attraktiv. Sie profitieren von mehr Ausbildungszeit im Betrieb, da der BM-Stoff über 3,5 Jahre verteilt ist.
  • Im August 2017 müssen mindestens 16 Lernende das BM-Modell wählen, damit der Lehrgang anerkannt und weitergeführt werden kann.
  • Ziel der BM während der beruflichen Grundbildung ist, gute Schülerinnen und Schüler nicht ans Gymnasium zu verlieren, sondern sie für eine zukunftsbringende Grundbildung mit BMS zu gewinnen.

 


Weitere Informationen:
Strickhof
www.strickhof.ch

 



Im Strickhof können die Lernenden im Labor den Transfer von Theorie in die Praxis erleben


Der Lebensmitteltechnologe-Lernende Simon Hörler (li) und sein Ausbildungsverantwortlicher, Stefan Stäheli (re), sind vom innovativen Modell begeistert

INFORMATIONEN ZUM BM-MODELL

  • Im neuen BM-Modell wird der Unterricht in die bestehenden Unterrichtsblöcke integriert. Zusätzlich zu diesen Unterrichtsblöcken sind je nach Ausbildungsjahr 1-3 zusätzliche BM-Blöcke à je einer Woche eingeplant. In den blockfreien Zeiten findet kein Unterricht statt. Diese Zeiten stehen vollumfänglich für die betriebliche Ausbildung zur Verfügung.
  • Das neue BM-Modell ist auch für die Lernenden attraktiv. Sie profitieren von mehr Ausbildungszeit im Betrieb, da der BM-Stoff über 3,5 Jahre verteilt ist.
  • Im August 2017 müssen mindestens 16 Lernende das BM-Modell wählen, damit der Lehrgang anerkannt und weitergeführt werden kann.
  • Ziel der BM während der beruflichen Grundbildung ist, gute Schülerinnen und Schüler nicht ans Gymnasium zu verlieren, sondern sie für eine zukunftsbringende Grundbildung mit BMS zu gewinnen