Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Branchenfokus: Ausgabe 01-02/2017, 31.01.2017

Können wir auf Palmöl verzichten?

Palm(kern)öl ist wegen seiner technischen und sensorischen Eigenschaften eines der beliebtesten Pflanzenöle. Doch es steht auch in heftiger Kritik. Um dieses Dilemma zu lösen erscheint der Verzicht ein Weg zu sein. Doch es gibt auch andere, ernstzunehmende Stimmen.

Autor: Redaktion

Bilder: Fonap

Palm(kern)öl gehört zu den am häufigsten verwendeten Pflanzenölen weltweit. Kein Wunder, sprechen doch die vielfältigen technischen und chemischen Eigenschaften für den Nutzen. Besonders die Lebensmittel- und Kosmetikindustrie setzt dieses geruchsneutrale und relativ hitzebeständige Öl ein. Doch Palm(kern)öl steht in heftiger Kritik. Für den Anbau holzen Palm(kern)ölproduzenten wertvolle Primärwälder in Regenwaldregionen ab. Eine verheerende Folge der Regenwaldzerstörung ist die Zunahme an Kohlendioxid in der Atmosphäre. Um die Fläche für die Palm(kern)- ölplantagen vorzubereiten, findet oft eine Brandrodung statt, wobei vor allem die Torfböden gespeichertes Kohlendioxid in grossen Mengen freisetzen.

Ein weiterer Kritikpunkt sind die nachweislichen Menschenrechtsverletzungen. Für den Palm(kern)ölanbau vertreiben Konzerne indigene Völker von ihren Ländern und berauben sie ihrer Lebensgrundlage. Indios, die sich für die Arbeit auf den Plantagen entscheiden, erhalten oft keine ausreichende Bezahlung. Zudem leben Plantagenarbeiter meist mit ihren Familien inmitten tausender Hektarå Palm(kern)ölplantagen, was dazu führt, dass deren Kinder wenig Zugang zu Bildung haben. Auch wenn die Menschenrechtsverletzungen hauptsächlich in Indonesien auf der Tagesordnung stehen, häufen sich jedoch ähnliche Meldungen aus Lateinamerika und Afrika.

Geht es auch ohne Palm(kern)öl?

Es ist also nicht verwunderlich, wenn kritische Stimmen solchen Vorgehensweisen Einhalt gebieten wollen. Stellt sich nur die Frage, was jetzt geschehen soll? Auf Palm(kern)öl komplett zu verzichten scheint nicht die Lösung zu sein, denn trotz vieler Herausforderungen ist der Anbau der Ölpalme nicht grundsätzlich schlecht. Die Palme hat den höchsten Ertrag aller Ölpflanzen und produziert sogar zwei verschiedene Öle, die für die Industrie von Interesse sind. Gemäss der WWF-Studie «Auf der Ölspur» von 2016 würde ein kompletter Verzicht auf Palm(kern)öl und der Umstieg auf andere pflanzliche Öle wie Raps, Soja, Sonnenblumen oder Kokos die Situation nicht verbessern, sondern noch verschlimmern. Denn der Anbau von Pflanzenöl braucht Fläche und das weit mehr als die Ölpalme. Gemäss des Rechenbeispiels des WWFs würde Deutschland das fünffache an Fläche benötigen und zwar 1,85 Millionen Hektar statt bisher 397 781 Hektar. Der Mehrbedarf ist notwendig, da keine andere Pflanze auf einem Hektar Land so hohe Ölerträge wie die Ölpalme erzielt. Raps, Kokos und Sonnenblumenöl bringen durchschnittlich rund 0,7 Tonnen Öl pro Hektar, Soja sogar noch weniger. Im Vergleich dazu liegt die Ausbeute bei Ölpalmen bei durchschnittlich 3,3 Tonnen Pro Hektar. Da der komplette Verzicht weder Probleme löst noch entschärft, sind Alternativen gefordert, die eine Nutzung gestatten, ohne die erwähnten Probleme noch weiter zu fördern oder gar zu verschärfen.

Gibt es Alternativen?

Die weltweite Kritik an Praktiken im Palm(kern)ölanbau hat in den letzten Jahren zur Entwicklung verschiedener Zertifizierungssystemen geführt. Beispielsweise haben es sich Organisationen wie der Round Table of Sustainable Palm Oil (RSPO), Rainforest Alliance, International Sustainability & Carbon Certification (ISCC) und dem Roundtable on Sustainable Biomaterials (RSB) zur Aufgabe gemacht, den Anbau von Ölpalmen nachhaltiger zu gestalten. Doch die Standards dieser Organisationen haben aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte unterschiedliche Schwerpunkte und gehen in verschiedener Hinsicht nicht weit genug. Dennoch sind diese Standards für das Forum Nachhaltiges Palmöl (FONAP) ein Schritt auf dem richtigen Weg.

Das Forum hat es sich zum Ziel gesetzt, den Anteil von segregiertem zertifiziertem Palm(kern)öl sowie entsprechender Derivate auf dem deutschen, österreichischen und Schweizer Markt zu 100 Prozent verfügbar zu machen. Zur Erreichung der Ziele verfolgt das FONAP verschiedene Ansätze:

  • Erarbeitung von Vorschlägen zur Weiterentwicklung und Verbesserung der bestehenden Zertifizierungssysteme.
  • Erarbeitung von tragfähigen Lösungen für die Bereitstellung und Nutzung von 100 Prozent segregiertem zertifiziertem Palm(kern)öl in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  • Vernetzung mit anderen Initiativen, interessierten Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen in Europa, um gemeinsame Fragestel- lungen zu nachhaltigerem Palm(kern)ölanbau zu bearbeiten.
  • Aufbereitung und Kommunikation fachlicher und inhaltlicher Informationen zu Themen der nachhaltigeren Palm(kern)ölproduktion.
  • Information der Öffentlichkeit über das Thema zertifiziertes Palm(kern)öl.

Wer bietet nachhaltig zertifiziertes Palm(kern)öl an?

Gemäss dem FONAP geben die Webseiten der Zertifizierungssysteme einen ersten Überblick über verfügbares Palm(kern)öl und -derivate. Die Zertifizierungsorganisationen veröffentlichen Listen mit den von ihnen zertifizierten Unternehmen. Sie haben auch die verschiedenen Handelssysteme, in denen die Produkte zur Verfügung stehen, auf diesen Listen genannt. Käufer von zertifiziertem Palm(kern)öl können aufgrund der regelmässigen Veröffentlichung dieser Daten die Seriosität der Lieferanten überprüfen, da nur zum Verkauf berechtigte Lieferanten auf diesen Listen enthalten sind.

Was können Unternehmen tun?

Der weltweit wachsende Bedarf an Palm(kern)öl bringt die Forderung auf, den Palm(kern)ölverbrauch zu reduzieren. So sind Verbraucher, Politik und Unternehmen angesprochen, den ökologischen und sozialen Auswirkungen des Palm(kern)öl-Booms entgegenzuwirken. Daher stellt der WWF Forderungen an Verbraucher, Unternehmen und Politik. So sollen Palm(kern)öl nutzende Unternehmen beispielsweise:

  • sofort auf 100 Prozent zertifiziertes, segregiertes Palm(kern)öl umsteigen
  • Lieferanten zusätzlich in die Pflicht nehmen über die Mindestanforderungen des RSPO hinausgehende Kriterien einzufordern
  • im Hinblick auf Nutzung von Palm(kern)öl Transparenz zeigen und Produkte kennzeichnen
  • beim Palm(kern)ölersatz an die eingesetzten alternativen pflanzlichen Öle ebenfalls strenge ökologische und soziale Nachhaltigkeitsforderungen stellen und – wo immer es sich einrichten lässt – heimischen Ölen den Vorzug geben.

Auch wenn es noch viel zu tun gibt und noch viel Verbesserungspotenzial vorhanden ist, kann jeder Einzelne seinen persönlichen Beitrag dazu leisten. Je grösser der Druck von Konsumenten, Politik und der Industrie ist, umso eher sind internationale Palm(kern)ölkonzerne bereit, sich den Forderungen zu beugen.

 


Weitere Informationen:
Forum Nachhaltiges Palmöl (FONAP)
www.forumpalmoel.org
World Wildlife Fund (WWF): www.wwf.de
RSPO: www.rspo.org
ISCC: www.iscc-system.org
Rainforest Alliance:
www.rainforest-alliance.org/de
RSB: http://rsb.org

 




Palm(kern)öl ist oftmals ein unverzichtbarer Bestandteil vieler Lebensmittel. Darum ist ein nachhaltiger Umgang wichtig

Weblinks zu Zertifizierungs-sytemen

Weblinks zu den Lieferantenlisten der verschiedenen, vom FONAP akzeptierten, Zertifizierungssysteme:

RSPO: www.rspo.org/certification/supply-chain-certificate-holders

ISCC: www.iscc-system.org/zertifikate-inhaber/alle-zertifikate

Rainforest Alliance:

https://ra.eximware.net/RA

RSB: http://rsb.org/certification/participating-operators