Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 12/2017, 05.12.2017

Verantwortung tragen ist nicht leicht

Am 25. Oktober fand zum 3. Mal das Seminar «Lebensmittel – Sie tragen die Verantwortung» statt. Die Veranstaltung richtete sich an Studierende und Auszubildende, die am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn stehen. Das rege Interesse zeigte, wie wichtig das Thema ist.

Bilder: N. Heim, LT

Der Start ins Berufsleben ist trotz guter Ausbildung nicht immer einfach. Viele Absolventinnen und Absolventen steigen bereits im mittleren Management ein und sind vom ersten Tag an für ihren Bereich verantwortlich. Dass das mit der Verantwortung aber nicht so einfach ist, zeigt sich erst, wenn es keinen Vorgesetzten gibt, der die Entscheidungen absegnet. Um den zukünftigen Fach- und Führungskräften den Einstieg zu erleichtern und ihnen hilfreiche Tipps aus der Praxis geben zu können, hat die SGLWT gemeinsam mit der LT das Seminar «Lebensmittel – Sie tragen die Verantwortung» ins Leben gerufen. Dieses Jahr fand die Veranstaltung im Alumni Pavillon der ETH Zürich statt.

Verantwortung im rechtlichen Sinne.

Die Vorträge der namhaften Referenten enthielten viele Beispiele aus der Praxis, die anschaulich zeigten, was Verantwortung bedeuten kann. Auch wenn das Lebensmittelrecht einen Rahmen vorgibt, haben Fach- und Führungskräfte noch einen grossen Spielraum, der auch Platz für Fehlentscheidungen zulässt. Der Beitrag von Adrian Kunz vom BLV befasste sich mit dem neuen Lebensmittelrecht und wie es überhaupt zustande kam. Viele politische Entscheidungen haben letztlich zu einem Gesetz geführt, das weniger reglementiert und damit mehr Freiheiten bietet. Allein die Aufhebung des Positiv-Prinzips hat weitreichende Auswirkungen. So sind Hersteller nun vermehrt in der Verpflichtung, Abklärungen selber durchzuführen und ihre individuelle Situation mit dem Lebensmittelrecht in Einklang zu bringen. Die spannende Einführung in das neue Lebensmittelgesetz und dessen Auswirkungen gab den Teilnehmenden einen ersten Vorgeschmack, auf das was sie in ihrem künftigen Berufsleben in der Lebensmittelindustrie erwartet. Die neuen Freiheiten eröffnen viele Chancen, sie erfordern aber auch ein hohes Mass an Selbstverantwortung.

Die Verantwortlichkeiten im Lebensmittelrecht war auch im Vortrag von Azra Dizdarevic, Rechtsanwältin Produkte & Regulatory der Migros Gruppe ein wesentlicher Aspekt. Sie beschrieb sowohl das Prinzip der Selbstverantwortung aus der Sicht des Lebensmittelrechts und die verantwortliche Person. Es erstaunte, dass eine verantwortliche Person rechtlich gesehen nicht notwendig ist. Denn gemäss des Lebensmittelrechts liegt die originäre Verantwortlichkeit für Lebensmittelsicherheit bei der Unternehmensleitung. Doch in der Praxis ist die Verantwortung meist auf mehrere Schultern verteilt. Die Anwältin unterteilte Verantwortung noch in verwaltungsrechtliche, strafrechtliche und zivilrechtliche Verantwortlichkeiten, die unterschiedlich geregelt sind und verschiedene Konsequenzen mit sich bringen. Besonders der Aspekt der strafrechtlichen Verantwortlichkeit war ein spannendes Highlight des Vortrags. Zeigte er doch eindrücklich, dass es für Manager durchaus ernsthafte Folgen haben kann, wenn es zu unerwünschten Vorfällen kommt.

Verantwortung in der Praxis.

Die anschaulichen Beispiele aus den Vorträgen von Silvio Raggini, Leiter Qualitätscenter Coop, und Markus Henggeler, Business Manager Food/Feed bei Univar, untermauerten die Beiträge der Rechtsexperten. Raggini befasste sich mit dem Ereignismanagement bei Produktsicherheitsfällen und beschrieb das Vorgehen bei Coop anhand konkreter Beispiele. Die Teilnehmenden lernten durch die anschaulichen Fälle die Wichtigkeit eines Risikomanagements kennen und wie dieses aussehen kann. So bekamen die zukünftigen Fach- und Führungskräfte einen Eindruck, wie ein erfolgreiches Ereignismanagement funktionieren kann und worauf es aufzupassen gilt. Damit lassen sich auch Vorfälle analysieren und Schwachstellen beseitigen. Eine im Nachgang rekonstruierte Situation hilft, künftige Zwischenfälle zu vermeiden und damit Rückrufaktionen gar nicht erst starten zu müssen.

Markus Henggeler betonte in seinem Beitrag, dass die Übernahme von Verantwortung mit der Fähigkeit des Vorausschauens verbunden ist. Denn um Verantwortung übernehmen zu können, müssen Fach- und Führungskräfte zukünftige Risiken abschätzen und Prozesse einfach und verständlich gestalten können. Zudem sollten Vorgesetzte auch in der Lage sein, aus einer grösseren Einheit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Verantwortliche zu machen. Mit eindrücklichen Praxisbeispielen zeigte der Manager, wie sich Verantwortung stufengerecht delegieren lässt. So gehören beispielsweise Mitarbeiterschulungen nicht zu den Präventivmassnahmen, sondern zur Befähigung der Mitarbeiter, Verantwortung für für ihren Aufgabenbereich zu übernehmen. Denn Nachlässigkeiten oder Unwissenheit sind oftmals der Anfang von teils sehr ernstzunehmenden Vorfällen. Die angehenden Fach- und Führungskräfte hatten mit den anschaulichen Beiträgen der beiden Profis Raggini und Henggeler die Chance, aus den Erfahrungen anderer zu lernen und eigene Fehler damit zu vermeiden.

Verantwortung lässt sich nicht abwälzen.

Reto Battaglia von battaglia food safety systems, widmete sich dem Thema Lebensmittelfälschung. Er zeigte, dass es sich keineswegs um ein neues Phänomen handelt, sondern die Menschheit schon immer begleitete und es sich in Zukunft so schnell auch nicht ändern wird. Selbst moderne Analysemethoden können Fälschungen nicht verhindern. Doch der Experte sieht für dieses Problem eine Lösung. Battaglia ist überzeugt, dass sich mit einer andauernden Wachsamkeit, Identifizierung und Bestrafung der Schuldigen eine Verbesserung erzielen lässt. Ebenso sind faire Preise zwischen den Handelspartnern, das Verständnis für Lieferschwierigkeiten beispielsweise durch Naturereignisse und die Bereitschaft der Konsumenten, faire Preise zu bezahlen wichtige Faktoren, mit denen sich Food Fraud vermeiden lässt. Er zeigte, dass auch hier die Verantwortung auf vielen Schultern liegt und nicht nur bei Einzelnen zu suchen ist. Um Lebensmittelbetrug zu vermeiden, sind alle gefragt.

Ein gemeinsamer Stehimbiss im Lichthof der ETH Zürich bildete die optimale Gelegenheit mit den Referenten ins Gespräch zu kommen und wichtige Kontakte zu knüpfen.




Rechtsanwältin Azra Dizdarevic zeigte verschiedene Folgen von Verantwortung auf.


Markus Henggeler rät Mitarbeitende zu Verantwortlichen zu machen.


Reto Battaglia widmete sich dem heiklen Thema Lebensmittelbetrug.


SGLWT-Präsident Marc Lutz begrüsste die Teilnehmenden.


Adrian Kunz betonte die Wichtigkeit der Selbstverantwortung.


Silvio Raggini zeigte die Wichtigkeit eines gelungenen Risikomanagements auf.