Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 04/2017, 03.04.2017

Foodwaste individuell

Rund ein Drittel der Lebensmittel geht in der Schweiz verloren – der grösste Teil davon in den Privathaushalten. Eine neue Studie zeigt, welches Gewicht Foodwaste bei verschiedenen Konsumententypen hat und mit welchen Massnahmen sich ihr Verhalten positiv beeinflussen liesse.

Autor: Dr. Thomas Brunner Professor für Konsumentenverhalten, Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) Mathilde Delley Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL)

Die Welternährungsorganisation (FAO) schätzt, dass weltweit ein Drittel aller produzierten Lebensmittel irgendwo auf dem Weg «vom Hof auf den Tisch» verloren geht. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch für die Schweiz. Während ökonomische und soziale Konsequenzen vor allem in weniger entwickelten Ländern schwer wiegen, sind ökologische Folgen auch in industrialisierten Ländern spürbar. Schätzungen gehen davon aus, dass in der Schweiz die Lebensmittelwertschöpfungskette rund 30 Prozent der gesamten durch den Menschen verursachten Umweltbelastungen verantwortet. Somit trägt die aktuelle Verschwendung von Lebensmitteln rund 10 Prozent zur Umweltbelastung bei. Das Potenzial, hier anzusetzen, ist also enorm.

Endverbraucher in der Pflicht.

Jede Wertschöpfungsstufe trägt ihren Teil zur Ressourcenverschwendung bei. Die Hauptverantwortung ist aber dem Endkonsumenten zuzuschreiben: Über ein Drittel der weggeworfenen Lebensmittel gehen auf sein Konto und er verursacht damit die Hälfte der Umweltbelastung. Deshalb ist es zentral, das Verhalten von Konsumentinnen und Konsumenten sowie die Hintergründe der Verschwendung besser zu verstehen. Aktuelle Zahlen sind nötig, um darauf basierend Präventionsmassnahmen erarbeiten zu können.

Forschungsprojekt.

Dieses Ziel hatte eine Studie der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL der Berner Fachhochschule. Die Forschenden verschickten einen Fragebogen an eine zufällig gezogene Stichprobe von 4000 Haushalten in der Deutsch- und Westschweiz. Er umfasste Fragen zu fördernden und hindernden Faktoren für die Lebensmittelverschwendung, zur wöchentlichen weggeworfenen Essensmenge sowie zu demographischen Merkmalen.

Knapp 700 Fragebögen wurden ausgefüllt retourniert und standen für die Auswertungen zur Verfügung. Mit dem statistischen Verfahren der Clusteranalyse liess sich die Stichprobe in sechs verschiedene Segmente unterteilen: Konservative (23,8 Prozent), Selbstgefällige (7,5 Prozent), Kurzsichtige (20,9 Prozent), Desinteressierte (27,5 Prozent), Konsumgeprägte (14,1 Prozent) und Umweltbewusste (6,2 Prozent).

Diese sechs Segmente unterscheiden sich in ihrer Einstellung zu Foodwaste, in ihrem Verhalten und in ihrer Prädisposition ihr Verhalten zu ändern.

Massgeschneiderte Kampagne nötig.

Konservative Konsumentinnen und Konsumenten sind bezüglich der wirtschaftlichen und sozialen Aspekte von Foodwaste sensibilisiert. Sie zeichnen sich durch ihre grosse Motivation aus, jede Art von Verschwendung zu vermeiden. Zusammen mit den Umweltbewussten, die sich zudem den Umweltauswirkungen von Foodwaste bewusst sind und bereits wenig Foodwaste verursachen, bilden sie die Konsumentengruppe mit dem grössten Potenzial, künftig neue Verhaltensmuster und neue gesellschaftliche Normen zu schaffen.

Selbstgefällige Konsumentinnen und Konsumenten lassen sich durch positive Nebeneffekte für ihr Image zu neuen Gewohnheiten verlocken. Dies wäre der Fall, wenn ein sorgsamer Umgang mit Lebensmitteln als sozial erwünscht betrachtet würde. Bei kurzsichtigen Konsumentinnen und Konsumenten sind dagegen Effizienzgewinn in Haushaltsaufgaben und Kosteneinsparungen die Argumente, die ankommen. Beide Konsumentengruppen sind durch Sozialnormen geprägt und zeigen ein Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung. Dadurch gehören sie zu den bevorzugten Zielgruppen einer Kommunikationskampagne.

Desinteressierte unterscheiden sich von den konsumgeprägten Konsumentinnen und Konsumenten durch ihre geringere Lebensmittelverschwendung und ihre weniger gleichgültigen Haltung gegenüber der Thematik. Jedoch teilen beide Gruppen geringe Kenntnisse und Interessen für alles, was Hauswirtschaft betrifft – inklusive Foodwaste. Weil solche Konsumentinnen und Konsumenten den Druck sozialer Normen wenig spüren, lassen sich ihre Haltung und ihr Verhalten durch Kommunikationsmassnahmen nicht einfach beeinflussen. Spürbare Änderungen sind daher nur langfristig und nach der Umsetzung eines umfassenden Massnahmenpakets zu erwarten. Das heisst: Die Sensibilisierung muss bereits im Jugendalter, beispielsweise im Hauswirtschaftsunterricht, beginnen.

Eigene Verschwendung massiv unterschätzt.

Laut Umfrage verursacht jede Person jährlich 8,9 Kilogramm essbaren Foodwaste. Die Befragten gaben auch für jede Lebensmittelkategorie die verwendeten Entsorgungswege an – wie Kehricht, Biomüll/Grünabfuhr, privater Kompost, Verfütterung an Haustiere, Spüle oder Toilette. Eine Analyse des Kehrichts durch das Bundesamt für Umwelt hat gezeigt, dass rund 31 Kilogramm Lebensmittel über den Kehricht entsorgt werden. Nimmt man dies als Basis und rechnet den Foodwaste über alle Entsorgungswege hoch, ergibt sich eine Gesamtmenge von 89 Kilogramm. Das ist genau das Zehnfache der Menge, die die Befragten selbst geschätzt haben. Die rund 90 Kilogramm verschwendeten Lebensmittel pro Kopf und Jahr sind verglichen mit Studien aus anderen europäischen Ländern sehr plausibel.

Der Vergleich der selbstberichteten und der hochgerechneten Menge zeigt sehr eindrücklich, wie massiv Konsumentinnen und Konsumenten den eigenen Beitrag zur Lebensmittelverschwendung unterschätzen. Das Phänomen ist zwar schon bekannt, wurde aber noch nie so eindrücklich gezeigt. In den wenigsten Fällen dürfte ein absichtliches Nichtdeklarieren des Foodwaste für die geringen Angaben verantwortlich sein. Menschen neigen dazu, rückblickend viele Entsorgungsereignisse zu vergessen und die entsorgten Mengen zu unterschätzen. Interessanterweise wissen die meisten Personen, dass Foodwaste ein Problem ist, orten es aber aufgrund dieses Rückschaufehlers bei den Anderen.

Spürbare und nachhaltige Foodwaste Reduktion verlangt die Erarbeitung eines umfassenden Massnahmenplans, bei dem der Staat als Impulsgeber, Pionier und Koordinator wirkt. Zudem müssen auch der Detailhandel, die Industrie, Nichtregierungsorganisationen und die Zivilgesellschaft daran beteiligt sein, damit jedes Konsumentensegment mit passenden Massnahmen angesprochen werden kann.



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