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Wissenschaft und Forschung: Ausgabe 04/2017, 03.04.2017

Stärke aus Hefe – keine Zukunftsvision sondern Realität

Forschende der ETH Zürich haben mit der Hefe erstmals einen nichtpflanzlichen Organismus dazu gebracht, Stärke zu produzieren. Mithilfe des neuen Modellsystems können sie nun einfach erforschen, wie Stärke gebildet wird und welche Rolle die beteiligten Enzyme dabei spielen. In Zukunft lassen sich in Hefe möglicherweise gezielte Veränderungen an der Stärke ausprobieren.

Autor: Maja Schaffner, ETH Zürich Wissenschaftsjournalistin und freie Mitarbeiterin von ETH-News

Bilder: Ana Diaz

Eigentlich produzieren nur Pflanzen und Algen Stärke. Neuerdings kann das auch Hefe. Zumindest die in den Labors der Gruppe von Samuel Zeeman, Professor für Pflanzenbiochemie am Institut für Agrarwissenschaften der ETH Zürich. Den Forschenden ist es gelungen, Hefe die pflanzliche Maschinerie einzubauen, die den Speicherzucker herstellt. «Ein Novum», wie Zeeman betont.

Pflanzliche Enzyme transferiert.

Um dieses Ziel zu erreichen, entnahm Barbara Pfister, die federführende Forscherin in diesem Projekt, dem Genom der Ackerschmalwand (Arabidopsis thaliana) die Baupläne für sieben an der Stärkesynthese beteiligte Enzyme. Diese pflanzte sie ins Genom der Hefe. Dort entfernte sie zusätzlich alle Enzyme, die am Aufbau von Glykogen, dem Speicherzucker der Hefe, beteiligt sind. Denn diese würden die Stärkesynthese stören. Insgesamt generierten die Forschenden über 200 Hefestämme. Einige davon mit allen sieben Enzymen, andere mit verschiedenen reduzierten Sets. Entsprechend produzierten die Stämme entweder Stärke, die der von Arabidopsis stark ähnelt, keine Stärke oder aber Stärkeprodukte mit unterschiedlich starken Veränderungen.

Hefe produziert tatsächlich Stärke.

Was die Hefe genau herstellt, untersuchten die Forschenden mit verschiedenen Verfahren. Neben der klassischen Jodfärbung und etablierten bildgebenden Verfahren wurde auch die am Paul Scherrer Institut neu entwickelte ptychografische Kryo-Röntgentomografie verwendet. Damit bestimmten die Forschenden die Dichte der in der Hefezelle hergestellten Produkte. Das Resultat: Stämme, die alle sieben Enzyme enthielten, stellten Stärke her, die sich von Arabidopsis-Stärke nur minim unterscheidet. Überraschend waren allerdings die Produkte von Stämmen, denen einzelne oder mehrere Enzyme fehlten: Je nach Kombination stellten einige davon trotzdem eine Art Stärke her.

Stärke auf Umwegen.

«Die Stärkesynthese ist nicht linear», erklärt Zeeman. «Fällt ein Enzym aus, arbeiten die verbleibenden trotzdem weiter und bauen einfach ein etwas anderes Produkt.» Die Forschenden konnten auch zeigen, dass die Stärkesynthese je nach Kombination der anderen Enzyme auch ohne Entzweigungsenzym funktioniert. Dieses entfernt während der Stärkesynthese überschüssige Verzweigungen in den entstehenden Zuckerketten und galt bisher für die Stärkebildung als unverzichtbar. «Das Hefesystem ist momentan ein reines Forschungsinstrument», sagt der ETH-Professor. Damit sei es möglich, die Stärkesynthese zu simulieren und so die individuellen Rollen der beteiligten Enzyme sowie die Bildung der komplizierten Struktur der Stärke genauer zu erforschen. «Das ist viel schneller und einfacher als in Pflanzen», betont Zeeman. Nach zukünftigen Anwendungsmöglichkeiten gefragt, fügt er an: «Natürlich ist es denkbar im Hefesystem neuartige Modifikationen an der Stärke auszuprobieren, und dadurch zu versuchen, ihre Eigenschaften für bestimmte Einsatzgebiete zu verbessern.»

Neue Richtung mit Hefe einschlagen.

Für dieses vom SNF finanzierte Projekt hat Zeemans Gruppe das erste Mal mit Hefe gearbeitet. Er und Barbara Pfister möchten nun in der Hefe die Stärkesynthese auf der Systemebene genauer erforschen. Dazu arbeiten sie neu mit mathematischen Modellierern zusammen, um den Prozess im Computermodell zu simulieren. Stärke ist als Inhaltsstoff von Nahrungsmitteln, wie zum Beispiel Mais, Reis oder Kartoffeln wichtig. Sie ist für die Herstellung von biologisch abbaubaren Werkstoffen höchst interessant. Und sie wird an vielen Orten angewandt, wo man sie nicht erwarten würde, wie zum Beispiel zur Beschichtung von Papier. Der Werkstoff wird für verschiedene Anwendungen weiter optimiert.


Weitere Informationen:
Dieser Artikel ist in den ETH-News am 23.11.2016 erschienen