Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Wissenschaft und Forschung: Ausgabe 05/2017, 08.05.2017

Insekten rücken als Nahrungsquelle immer mehr in den Vordergrund

Für rund zwei Milliarden Menschen weltweit ist die Entomophagie – der Verzehr von Insekten – eine absolute Selbstverständlichkeit. Doch in europäischen Ländern gilt das eher als Mutprobe. Seit Mai sind in der Schweiz gewisse Insektengruppen zur menschlichen Ernährung zugelassen. Damit auch hier die Lebensmittelsicherheit besteht, gibt es noch einiges zu berücksichtigen.

Autor: Redaktion

Bilder: Fotolia

Die wachsende Weltbevölkerung und der damit verbundene wachsende Hunger, vor allem nach Fleisch, hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass sich die Wissenschaft intensiv Gedanken über die zukünftige sichere Ernährung aller Menschen macht. Vor dem Hintergrund drohender Ernährungsengpässe sind Insekten immer mehr in den Vordergrund des Interesses gerückt. Alexander Mathys, Assistenzprofessor an der ETH Zürich, am Departement für Gesundheitswissenschaften und Technologie, widmet sich bei seiner Forschungsarbeit der nachhaltigen Lebensmittelverarbeitung und befasst sich in diesem Rahmen auch mit Insekten als Futter- und Nahrungsmittel. «Wir arbeiten im Bereich der Nachhaltigkeit und vor diesem Hintergrund sind auch Insekten spannend. Als Lebensmittel sind diese Tiere vor allem in asiatischen Ländern schon seit Langem Bestandteil der menschlichen Ernährung. In unseren Breitengraden stehen wir gerade mal am Anfang», erklärt Mathys. Doch der Wissenschaftler betont auch, dass Insekten im Zusammenhang mit der Sicherung der Welternährung nur ein Teil der Lösung sind: «Das gesamte Problem der nachhaltigen Ernährung und Lebensmittelproduktion umfasst viele verschiedene Herausforderungen und ebenso viele Lösungen. Gerade in Europa haben wir eine lebhafte Forschungslandschaft und das Glück, aus diesen Möglichkeiten schöpfen zu können. Bei Insekten in Europa bin ich der Meinung, dass diese als akzeptiertes Lebensmittel ihre Zeit brauchen werden.»

Spannungsfeld Insekten.

Seit 1. Mai 2017 sind in der Schweiz ausgewählte Insektengruppen als Lebensmittel zugelassen. Dazu zählen Mehlwürmer, jedoch nur im Larvenstadium, Heimchen und die Europäische Wanderheuschrecke, aber nur in der adulten Form. «Wer Insekten als Rohstoff verwenden will, muss beachten, dass nur das gesamte Tier beziehungsweise Insektenmehl genutzt werden darf. Extrakte aus Insekten wie etwa Fett oder Proteine sind derzeit nicht zulässig. Das Insektenmehl lässt sich als Inhaltsstoff in verschiedenen Produktgruppen nutzen. Damit haben wir einen viel grösseren Spielraum in der Produktentwicklung», so der Professor. Warum nur diese Insektengruppen erlaubt sind, liegt an der Tatsache, dass es zu diesen Tierarten bereits viele Erfahrungswerte gibt, gerade in Belgien und Holland. In diesen Ländern sind bereits mehrere Arten toleriert.

Auch wenn es zu diesen Insektengruppen bereits viele empirische Informationen gibt, so existieren dennoch viele offene Fragen, die in der Diskussion nicht vernachlässigt werden dürfen. So sind die mikrobielle und toxikologische Sicherheit als auch die Allergenität bisher nicht vollständig geklärt. Zudem gilt es noch Fragen hinsichtlich der richtigen Züchtung und der Nachhaltigkeit zu klären. «Auch wenn wir bei Insekten als Zutat für die Lebensmittelproduktion und den damit verbundenen Herausforderungen erst am Anfang stehen, sehe ich Insekten als ein sicheres Lebensmittel, wenn Farmer diese ordentlich produzieren. Wir haben mikrobielle und chemische Kontrollen in jeder Lebensmittelproduktion. Zudem unterliegen die Lebensmittelproduzenten den Anforderungen der guten Herstellungs- und Hygienepraxis. Auch obliegt das gesamte Risikokonzept – also HACCP – sowie die Rückverfolgbarkeit, die Probennahme und die Analyse der Produkte in den Händen der Hersteller. Bei einer sorgfältigen Produktion sind Insekten in meinen Augen sichere Lebensmittel», meint Mathys. Was das Problem der Allergenität betrifft, so sieht der Wissenschaftler ein wichtiges Forschungsfeld: «Um bei potenziellen Allergieproblemen schnell reagieren zu können, brauchen wir interdisziplinäre Forschungskooperationen in der Schweiz, die parallel Untersuchungen tätigen.»

Akzeptanz von Insekten als Nahrungsmittel.

Ein anderes Problem stellt die Akzeptanz von Insekten als Nahrungsmittel dar. Gemäss verschiedener Umfragen Schweizer Hochschulen – beispielsweise der BFH-HAFL – ist die Bereitschaft Insekten zu probieren durchaus gegeben. Doch wie geht es danach weiter? «Bei der Mehrheit der Verbraucherinnen und Verbraucher haben wir eine klare Ablehnung, besonders wenn es um das komplett erkennbare Insekt geht. Darum sind die Kommunikation und die Entwicklung attraktiver, schmackhafter Produkte immens wichtig. Wir brauchen einen unique selling point, um die Produkte auf dem Markt halten zu können. Der Marketingaspekt ist hier ein sehr wichtiger Punkt», meint der Wissenschaftler.

Bei der Diskussion um Insekten und dem damit verbundenen «Ekelfaktor» bringt Mathys Honig als Argument für Insekten in die Diskussion ein: «Viele Menschen konsumieren völlig selbstverständlich Honig, der eigentlich ein Verdauungssekret eines Insektes ist. Honig nehmen Verbraucher als natürliches, gesundes Lebensmittel war. Natürlich töten und essen wir die Bienen nicht, was noch ein grosser Unterschied ist. Doch diese Relation ist mir wichtig, um bei Nichtwissenschafterinnen und -wissenschaftlern Gehör zu bekommen.

Insekten als Futter unseres Essens.

Eine weit grössere Akzeptanz dürften Insekten als Futtermittel für Nutztiere haben. Im Futtermittelbereich erwartet der Wissenschaftler viele Vorteile durch Insekten generieren zu können. «Im Hinblick auf Aquakulturen könnten sich mit Insekten nachhaltigere Fischzuchtindustrien entwickeln. In Europa verwenden Fischproduzenten schon Fischmehl aus Nebenströmen der Fischverarbeitung. International ist das anders. Hier verwenden Unternehmen Teile des Beifangs aus der Fischindustrie, was massive Auswirkungen auf die Biodiversität in den Meeren hat», meint der Professor. Durch Fütterung von Geflügel und Aquakulturen mit Insektenprotein lassen sich diese Wertschöpfungsketten nachhaltiger gestalten. Das hängt allerdings wieder von der Fütterung der Insekten und den daraus resultierenden Umweltauswirkungen ab.

Tiergerechte Tötung.

Um Insektenmehl verarbeiten zu können, müssen Produzenten die Tiere erst töten. «Die Abtötung ist derzeit eine wichtige Diskussion. Die offizielle Methode ist bisher das Einfrieren. Doch das ist energetisch sehr ineffizient und für den Energieverbrauch eine der schlechtesten Optionen. Hier könnten schonende Alternativen wie zum Beispiels CO2 zur Abtötung relevant werden. Aber da müssen wir noch dringend Diskussionen führen, um eine effiziente und vor allem tiergerechte Methode zu finden. Ich vermute, dass Einfrieren eine Zwischenlösung darstellt», so der Wissenschaftler.

Schwerpunkt der Forschung.

Bei der Nutzung von Insekten für Futter- und Lebensmittel hat sich Alexander Mathys und sein Team viel vorgenommen. So zum Beispiel im Bereich der Lebenszyklusanalysen, um die Nachhaltigkeit auf ein objektives Fundament zu setzen. «Wir brauchen für objektive Diskussionen transparente Lebenszyklusanalysen, um Umweltauswirkungen neuartiger Produkte berechnen zu können. Dafür ist ein Vergleich mit bereits existierenden Quellen wie etwa Soja oder Hühnchenfleisch nötig. Wir konnten letztes Jahr in Zusammenarbeit mit einem industriellen Partner im Bereich der Insektenproduktion eine der detailliertesten Lebenszy-klusanalysen publizieren. Das war ein wichtiger Schritt, denn Insekten sind nicht per se nachhaltiger als existierende, hochoptimierte Wertschöpfungsketten. Schliesslich hängt es stark davon ab, welches Substrat die Insekten als Futter erhalten, wie die Skalierung der Zucht und Verarbeitung realisiert wird und welche Produkte und Abfallströme generiert werden. Es ist sicher sinnvoll, Insekten auf Nebenströmen zu züchten. Solche Nebenströme wären rechtlich erlaubt, wenn sie pflanzlichen Ursprungs sind wie zum Beispiel Biertreber. Das wäre ein interessantes Substrat, um Insekten als Futter- als auch als Lebensmittel herzustellen», erklärt der Wissenschaftler.

Auch wenn sich die Entomophagie in europäischen Ländern noch im Anfangsstadium befindet, ist sie dennoch seit einigen Jahren im Blickfeld der Forschung. Angesichts der vielen offenen Fragen ist das auch eine notwendige Aufgabe, die sich Wissenschaftler weltweit widmen.


Auszug aus FAO: Beitrag von Insekten zu Nahrungssicherung,
Lebensunterhalt und Umwelt
www.fao.org/edible-insects/en/



Schlüsselbereich für Forschung und Entwicklung in der Entomophagie

Entomophagie ist der Verzehr von Insekten durch den Menschen. Bereits in vielen Ländern – vorwiegend Teile von Asien und Lateinamerika – gehören Insekten zur menschlichen Ernährung dazu. Dass Insekten als Lebensmittel nur in Zeiten von Hungersnöten dienen, ist eine weit verbreite, jedoch falsche Aussage. In den meisten Fällen, in denen sie ein Grundnahrungsmittel in lokalen Ernährungsgewohnheiten sind, werden Insekten wegen ihres Geschmacks verzehrt und nicht, weil eine andere Nahrungsquelle nicht verfügbar ist. Bestimmte Insektenarten wie zum Beispiel Mopanewürmer sehen Einwohner des südlichen Afrikas sogar als Delikatesse an.

Um die wachsende Weltbevölkerung auch in Zukunft sicher ernähren zu können, sind in jüngster Zeit Insekten als potenzielle Nahrungsquelle in den Fokus des öffentlichen Interesses geraten. Doch es besteht noch viel Forschungsbedarf, um kosteneffektive, energieeffiziente, nachhaltige und mikrobiell sichere Zucht-, Ernte- und Nachernteprozesstechniken als auch Hygienemassnahmen zu entwickeln, um die Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit zu gewährleisten. So gelten folgende Schlüsselbereiche für Forschung und Entwicklung:

  • Sichere Techniken zur Massenproduktion
  • Gewährleistung der Lebens- und Futtermittelsicherheit
  • Gesetzgebung
  • Konsumentenakzeptanz und Bildung