Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Qualitätssicherung und Analytik: Ausgabe 05/2017, 08.05.2017

Lebensmittelbetrug: – So alt wie die Menschheit

Weltweite Warenströme, neue Lebensmittel, innovative Produktionsmethoden und neue Ursprungsorte öffnen Lebensmittelbetrug Tür und Tor. Doch Lebensmittelproduzenten können sich mit verschiedenen Massnahmen dagegen schützen.

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Lebensmittelskandale erobern immer wieder die Schlagzeilen. Das jüngste Ereignis betrifft die Fleischproduktion in Brasilien. Hier haben mehrere Unternehmen – darunter auch einer der grössten Fleischproduzenten der Welt, JBS – über Jahre hinweg vergammeltes Fleisch verkauft. Unter Zuhilfenahme chemischer, teils krebserregender Stoffe haben die Betriebe verdorbenes Fleisch wieder ansehnlich gemacht. Dass dieser Betrug über Jahre nicht aufgeflogen ist liegt wohl an der Tatsache, dass Dutzende von Mitarbeitern der Gesundheitsbehörden bestochen worden sein sollen, um den Verkauf von verdorbenem Fleisch zuzulassen. Dieser gross angelegte Betrug ist nur ein Beispiel von vielen, wobei hier zu bemerken ist, dass die Dimensionen der kriminellen Aktivitäten und die Anzahl der beteiligten Personen aussergewöhnlich gross ist. Doch Lebensmittelbetrug – oder wie Fachleute seit dem Pferdefleischskandal 2013 auch sagen «Food Fraud» – ist nicht neu, sondern ein schon seit vielen Jahrhunderten praktiziertes Übel.

Grundlage für Lebensmittelgesetz

Jedes Land hat in seinem Gesetzbuch einen Paragrafen, der Betrug unter Strafe stellt. So definiert das Schweizerische Strafgesetzbuch, im Artikel 146 1/ Strafbare Handlungen gegen das Vermögen, was Betrug ist und welche Strafen damit verbunden sind. Kurz gefasst gilt Betrug als unberechtigte Vorteilsnahme durch einen kriminellen Vorgang, um einen betriebswirtschaftlichen Vorteil zu erzielen.

Was den Lebensmittelbetrug betrifft, so ist genaugenommen unser heutiges Lebensmittelgesetz das Resultat aus den vorhergegangenen Betrügereien mit Lebensmitteln. Ulrich Nöhle, Lebensmittelchemiker an der Technischen Universität Braunschweig und selbständig als Krisenmanager für die Lebensmittelwirtschaft tätig, ist ein Experte auf dem Gebiet des Lebensmittelbetrugs und befasst sich seit Jahren mit diesem Phänomen. Dabei stellt er fest, dass Betrug nicht gleich Betrug ist. «Zur Beurteilung müssen wir uns immer auf den Einzelfall beziehen. Es gibt prozessbezogene und produktbezogene Betrugsfälle. Dann müssen wir noch berücksichtigen, ob es sich um einen sicherheitsrelevanten Betrug handelt, der beispielsweise die Gesundheit oder sogar das Leben von Menschen gefährdet wie etwa Melamin in Milchpulver, oder ob es nicht sicherheitsrelevante Betrugsfälle sind. Hierzu zählt etwa der Pferdefleischskandal. Doch dabei bestand keine Gefahr für Leib und Leben», so der Fachmann. Doch für Nöhle steht auch fest: «Betrug ist nicht produkt- oder prozessspezifisch sondern ist menschenspezifisch. Wenn unser Gegenüber uns betrügen will, dann kann er das machen».

Betrug geht mit der Zeit.

Verfälschungen und Betrügereien passen sich der Zeit und dem Stand der Technik an. Konnten Bauern früher noch leicht Zucker mit Weizenmehl strecken oder unbemerkt Wasser zur Milch schütten, ist das heute, dank moderner Analytik, leicht aufzudecken. Darum ist das mittlerweile auch nicht mehr interessant. Durch die Globalisierung und damit einhergehenden veränderten Warenströme verändern sich auch die Betrugsfälle. «Food Fraud ist durch die Globalisierung zu einem Thema geworden, weil die Handelsvolumina so gross sind, dass auch kleine Abweichungen, die früher vielleicht unbedeutend waren, jetzt zu einem erheblichen betriebswirtschaftlichen Mehrgewinn führen», so der Fachmann. Stellen wir uns die Frage, warum das so ist, müssen wir auch daran denken, dass die Weltbevölkerung gerade dabei ist, sich bis zum Jahr 2050 zu verzehnfachen. «Im Jahr 1910 bevölkerte eine Milliarde Menschen die Erde. Heute sind es knapp 7,3 Milliarden und in etwa 30 Jahren bevölkern circa 10 Milliarden Menschen die Erde. Diese 10 Milliarden wollen essen, leben und wohnen. Darum müssen wir mindestens 10 Mal so viele Lebensmittel produzieren, 10 Mal so viele Autos bauen und so weiter. Das ist kein Weltwunder sondern Mathematik. Zudem werden die Menschen nicht mehr nur 59 Jahre alt, sondern 84 und älter. Damit essen die Menschen 20 Jahre länger als früher. Das heisst wir haben 10 Mal mehr Menschen, die 20 Jahre länger leben und die jeden Tag Fleisch essen. Damit ist klar, dass sich die Fleischproduktion nicht verzehnfacht, sondern verfünzigfacht hat. Das bedeutet, dass die grösseren Dimensionen, die Betriebe zum Betrug verleiten können, auch eine Folge der rasch wachsenden und immer älter werdenden Weltbevölkerung ist. Die Produktion für viel mehr Menschen ist damit natürlich Anreiz zu Betrug auf kleiner Ebene», erläutert der Lebensmittelchemiker.

Produzenten – nicht nur Täter, sondern auch Opfer.

Ausgehend vom jüngsten Fleischskandal haben brasilianische Fleischproduzenten nicht nur Konsumenten in aller Welt betrogen und deren Gesundheit durch Gammelfleisch gefährdet. Sie haben auch andere Lebensmittelprudzenten hinters Licht geführt, denen sie das «Frischfleisch» zur weiteren Verarbeitung verkauft haben. Dass dies jahrelang funktioniert hat, lässt Konsumenten an der Fähigkeit der Lebensmittelanalytik zweifeln und stellt die Frage in den Raum «Warum hat das keiner bemerkt?»

Grenzen der Analytik.

Analytische Verfahren und Laborgeräte haben in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung erlebt. Viele Innovationen erleichtern nicht nur die Analysen, Laboratorien brauchen auch deutlich weniger Zeit und erhalten wesentlich präzisere Ergebnisse. Wie also kann es sein, dass so ein gross angelegter Lebensmittelbetrug über Jahre unerkannt bleibt? Für den Lebensmittelchemiker ist das jedoch keine Frage: «Wir können jede Menge Tests machen und auf nahezu alle Substanzen testen. Doch das ist unsinnig und kostet mehr Geld als die Ware wert ist. Viel mehr müssen wir uns überlegen, wonach wir suchen und was sinnvoll ist. Wenn wir das nicht wissen, verzetteln wir uns.»

So lassen Unternehmen bei der Lieferung der Ware die «üblichen Verdächtigen» prüfen und analysieren. Je nach Produkt geht es bei Eingangsstichproben um das Gewicht, die mikrobiologische Unbedenklichkeit oder um Produktparameter wie Fett- oder Eiweissgehalt und ähnliches. Doch die Suche nach Chemikalien wie beispielsweise Melamin, ist nicht üblich. «Noch vor 5 Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen in Milchpulver nach der Chemikalie Melamin aus der Kunststoffindustrie in der Milch zu suchen. Warum auch? Das war nicht zu erwarten. Wenn sie etwas nicht erwarten, dann suchen sie auch nicht danach. Lebensmittelanalytiker müssen das machen, was dem Stand der Technik entspricht. Darum lassen sich kriminelle Machenschaften nicht durch ein Qualitätssicherungssystem aufdecken. Die Qualitätssicherung ist die Sicherstellung, dass ein beschriebener Prozess auch so abgelaufen ist, wie er beschrieben ist.Die Qualitätssicherung ist ein Soll-Ist-Vergleich. Fachleute können nur schauen, wie der Sollwert war und wie der Ist-wert aussieht, war es vorhersehbar oder nicht und ist das schon mal vorgekommen. Kriminelle umgehen den beschriebenen Prozess. Echte Kriminelle können wir nur mit kriminalistischen Methoden fangen und nicht mit der Qualitätssicherung, mit der wir beispielsweise den Fettgehalt der Milch untersuchen», betont Nöhle.


Weitere Informationen:
Prof. Dr. Ulrich Nöhle
www.noehle.de
Teil II zu Food Fraud lesen Sie in der LT 6/17



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