Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Wissenschaft und Forschung: Ausgabe 07 10.08.2018/2018, 09.08.2018

Innovation ist kein Zufall

Durch geeignete Methoden nach dem «Design-Thinking-Ansatz» können die wahren Konsumentenbedürfnisse erkannt und auch erfüllt werden. An der Branchentagung «Passion for Innovation» der BFH-HAFL durften die Teilnehmenden an Innovations- und Kreativ-Methoden schnuppern und gleich selber Hand anlegen.

Autor: Simon Gröflin

Geht es darum, neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, so fehlt es oft nicht an den Ideen, sondern am Verstehen der Konsumentinnen und Konsumenten und deren Bedürfnisse. «Vergessen Sie lange Papiere und Schreibtischkonzepte – gehen Sie auf die Strasse, in die Einkaufsläden, die Cafés und beobachten Sie Ihre Zielgruppenpersonen und entwickeln Sie Empathie!» sagte Patrick Bürgisser, Dozent für Innovationsmanagement und Sensorik an der BFH-HAFL, anlässlich des Symposiums «Passion for Innovation» der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenshaften HAFL der Berner Fachhochschule. Marktforschung findet also nicht mehr nur über Deskresearch, Agenturen und systematische Befragungen statt, sondern insbesondere durch die direkte und stetige Einbindung der Nutzerinnen und Nutzern in den gesamten Innovationsprozess. Dies stellt einen der zentralen Aspekte im «Design Thinking-Ansatz» dar.


Vom «Needfinding» zur Lösung
Die Branchentagung «Passion for Innovation» gewährte einen spannenden Einblick in die Kompetenzen im Bereich des Innovationsmanagements und der Produktentwicklung der Abteilung Food Science & Management der BFH-HAFL. Um herauszufinden, wie Konsumenten «ticken», offeriert die BFH-HAFL über den «Ideeninkubator» Methodenkompetenzen und Branchenerfahrung und begleitet Unternehmen in deren Innovationstätigkeiten. «Neue Themen und Herausforderungen können wir dadurch relativ schnell anpacken», erklärte die HAFL-Wirtschaftsdozentin Christine Geissbühler. «Der Design Thinking-Ansatz» liefert uns dabei den Rahmen und die Leitplanken in der Lösungsentwicklung.» 


Zielführende Ideengenerierung
Viele Unternehmungen starten ihren Innovationsprozess gleich mit der Ideengenerierung, ohne eigentlich zu wissen, welcher Nutzen für welche Zielgruppe gestiftet werden soll. Ganz am Anfang steht jedoch immer die Frage nach dem Bedürfnis das gedeckt werden soll. Im «Design Thinking»-Ansatz» wird deshalb in der ersten Phase als zentrales Resultat denn auch von «Needfinding» gesprochen. Erst durch eine gründliche Analyse der zentralen Herausforderungen eines Problems und der intensiven Auseinandersetzung mit den Nutzerinnen und Nutzern kann das wahre Bedürfnis eruiert und skizziert werden. Dieses «Needfinding» ist denn auch unabdingbare Voraussetzung und zielführende Rahmenbedingung für die danach folgende Ideengenerierung. Wie vielseitig und gleichwohl inspirierend eine fokussierte Ideenfindung mit einem interdisziplinären Grüppchen sein kann, durften die Teilnehmenden gleich einmal im Rahmen einer Kreativ-Werkstatt ausprobieren.
«Scheitere früh und häufig»
In der zweiten Phase nach dem «Design Thinking-Ansatz» geht es – ausgehend von der Idee – um die Lösung. Das Erschaffen von Lösungs-Prototypen und das unmittelbare Testen danach sei ein iterativer Prozess, wie Bürgisser betont. «Präsentiere unfertige Lösungen» und «scheitere früh und häufig» laute die Devise. Denn nur wer es versteht, schnell aus Fehlern zu lernen und die anvisierten Nutzerinnen und Nutzer immer wieder nach Feedback zu fragen, kann effizient und zielorientiert die optimale Lösung anpeilen und erreichen. Wie wichtig dabei (be-)greifbare Lösungen in Form von Prototypen sind, wurde an der Branchentagung mehrmals bekräftigt. Auch in frühen Etappen der Lösungsentwicklung ist etwa eine einfache Skizze, eine Zeichnung, ein Schema oder ein aus Papier und Karton gebastelter Prototyp mehr wert als zehn Seiten Papier mit ellenlangen Erklärungen, so Bürgisser.


Nicht nur an Studien glauben
Die Kraft mit Bildern zu denken, so Dr. Hans-Peter Bachmann von Agroscope, sei ebenso wichtig. «Die klebrigen 6», wie sich die junge Forschungsgruppe damals nannte, war damit beauftragt, einen Prozess zu finden, um Käsesorten mit einer Schmierereifung von ihrer klebrigen Oberfläche zu befreien, zu denen es 1000 Vermutungen gab. Design Thinking wurde schon damals angewendet – jedoch ohne es zu wissen. Denn im Wesentlichen seien auch sie iterativ und wiederkehrend die Design-Thinking-Etappen «Verstehen», «Beobachten», «Fokussieren» sowie «Ideen generieren», «Lösungen entwickeln und testen» durchgegangen. Insbesondere KMUs sollen heute nicht mehr nur an Studien glauben, folgert Andreas Nauer, Head of Sales of Marketing bei Kambly. Auch er investiert mit seiner Firma in die Forschung. Die strukturierenden Prozesse der BFH-HAFL kurbeln einerseits den Innovationsmotor des Unternehmens an, andererseits ist es eine Synergie mit Wechselwirkung: Gut ausgebildete Leute mit unternehmerischem Flair, so Nauer, seien auch bei KMUs immer gefragter.  


Jungunternehmer zeigen, wies geht
Dass beispielsweise im Streben um «Healthy Hedonism» immer mehr junge talentierte Start-ups aufkeimen, zeigt die Erfolgsstory des jungen Schweizer Baby-Brei-Herstellers yamo.ch. Statt das Biogemüse mit hoher Hitze haltbar zu machen, kommt ein spezielles Hochdruck-Pasteurisations-Verfahren zur Anwendung. Der Babybrei wird dabei in elastische PET-Becher abgefüllt, die in einer Hochdruckkammer in kaltem Wasser einem Druck von 6000 Bar standhalten. Dank der Erhaltung der natürlichen Aromastoffe, Vitamine und Farben sei bereits eine grosse Nachfrage entstanden. Daher sei man nun bereit für den europäischen Markt, sagt José Amado-Blanco, der selber an der BFH-HAFL studiert hat. Ein ganz anderes Bedürfnis hat Sylvain Chevallay – ein weiterer Jungunternehmer mit BFH-HAFL-Vergangenheit – mit seinem Brébisan aufgegriffen. Entsprechend der grünen Farbe im Wappen seiner geliebten Heimat (Waadt), der regionalen Verankerung sowie der ernährungsphysiologisch vorteilhaften Schafsmilch ist es ihm gelungen das Bedürfnis nach natürlichen, authentischen und regionalen Produkten zu erfüllen – ein wunderbar cremiges, wohlschmeckendes Glacé-Erlebnis.

«Ideeninkubator»
Vom sprichwörtlichen leeren Blatt Papier bis zur erfolgreichen Produktlancierung ist es ein langer Weg. Der «Ideeninkubator» der BFH-HAFL unterstützt diesen Innovationsprozess: Sei es als erste Inspirationsquelle und Impulsgeber oder mit einem Workshop zur Lösung von komplexen Herausforderungen. Das Inkubator-Team unter der Co-Leitung von Patrick Bürgisser und Christine Geissbühler verfügt über umfassende Methodenkompetenzen und Erfahrung in der Branche.
Kontakt: ideeninkubator.hafl@bfh.ch



Patrick Bürgisser, Dozent für Innovationsmanagement und Sensorik an der HAFL (Hochschule für Agrar-Forst- und Landwirtschaft), erklärt das Konzept des Design Thinkings.


Die Betriebsökonomin Christine Geissbühler veranschaulicht die aktuellen Megatrends.


Das Design-Thinking ist auch ein visueller Prozess. (Zeichnung: Mägi Brändle)