Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 01-02/2018, 06.02.2018

50 Jahre Zeitschrift LT – 50 Jahre Informationsexplosion

Herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag. Erfreulich, die Zeitschrift Lebensmittel-Technologie darf auf ein halbes Jahrhundert zurückschauen: ein halbes Jahrhundert exponentiellen Datenwachstums und dies in den verschiedensten Bereichen. Nachfolgend ein paar Beispiele.

Autor: Urs Klemm

Der deutsche Verband der Internetwirtschaft Eco behauptete 2013, dass rund 90 Prozent des heutigen weltweiten Datenbestandes in den letzten beiden Jahren entstanden sind. Jedes Jahr verdoppelt sich diese Datenmenge. Täglich entstehen Studien zufolge 2,5 Trillionen neue Daten, so der ECO. Ob diese Zahlen nun die exakte Situation wieder gibt lässt sich nur schwer einschätzen. Doch eines lässt sich mit Sicherheit sagen. Wir leben im Zeitalter der Datenexpolsion. Die LT, als Fachmagazin für Fach- und Führungskräfte der Schweizer Lebensmittelindustrie, steckt mitten drin und das seit 50 Jahren.

Datenexplosion 1: Analytik. Als ich meine Tätigkeit am Kantonalen Laboratorium Aarau aufnahm, bot sich die Chance, moderne Chromatographie-Verfahren einzuführen, beziehungsweise die wenigen existierenden zu modernisieren. Bereits damals führte dies zu einem beachtlichen Anstieg der Analysendaten. Eine Zuckeranalyse nach dem Potterat-Eschmann-Verfahren beanspruchte anderthalb Stunden pro Probe und lieferte ein Summenergebnis für alle reduzierenden Zucker. Mit der Einführung der HPLC konnten, inklusive Aufarbeitung, in der gleichen Zeit 10 Mal mehr Proben untersucht werden wobei sich alle Zuckerarten einzeln bestimmen liessen. Die vereinfachte Probenaufarbeitung mit Einmalkartuschen steigerten den Durchsatz um eine weitere Grössenordnung. Für mengenmässige Bestimmungen wurden Chromatogramme ausgeschnitten und gewogen, ab 1971 mit einem elektronischen Integrator «Infotronik», welcher die beachtliche Zahl von 50 Bedienungsknöpfen aufwies, integriert. Was sich damals schon abzeichnete, kam seither voll zum Tragen: automatisierte Analytik, die innert kurzer Zeit tausende spezifischer Daten liefert und dies mit sinkenden Kosten.

Datenexplosion 2: Datenmanagement. Ergebnisse fanden in einem Laborjournal Eingang, wurden oft manuell in Tabellen übertragen und von diesen wiederum per Schreibmaschine (Hermes Ambassador, in fortschrittlichen Kanzleien mit IBM Kugelkopf) in die Untersuchungsberichte eingearbeitet. Diese wurden nach dem Versand und der Anordnung allfälliger Massnahmen in Datenfriedhöfen, genannt Bundesordner und Aktenschränken abgelegt. Wir führten eines der ersten Laborinformations-Systeme ein und waren stolz, über einen HP 1000 Rechner, CPU 3 MB, Winchester Harddisk 132 MB, 3 PC für das Sekretariat und 3 Drucker zu verfügen. Nun, das Moor`sche Gesetz ist bekannt, heute lassen sich auf einem Smartphone Datenmengen bequem im Sack mittransportieren, welche früher einen so um die 200 m langen Bücherschaft beansprucht haben. Exponentiell haben sich bekanntlich auch die Verarbeitungsgeschwindigkeiten erhöht: sie sind heute drei und mehr Grössenordnungen schneller. Es fallen also nicht nur mehr Daten an, diese werden in neuen Dimensionen weiterverarbeitet.

Datenexplosion 3: Menge und Verfügbarkeit wissenschaftlicher Publikationen. «Die Entwicklung wird langsam problematisch» eröffnete uns der Dozent B. Preiss in der Vorlesung «Einführung in die chemische Literatur». «Die Bände von Chemical Abstracts werden immer dicker, die Publikationen nehmen zu und es wird immer schwieriger, den Überblick zu wahren». Nun, was die Zunahme der Publikationen betrifft, sollte der Dozent recht behalten, der Chemical Abstract Service verzeichnete 1976 drei Milliionen Substanzen, 2015 wurde die Grenze von 100 Millionen überschritten wobei der grösste Zuwachs von 75 Millionen neuer Verbindungen in den letzten 10 Jahren erfolgte, alle 2,5 Minuten eine.

Den Zugang zur einschlägigen Fachliteratur in Chromatographie ermöglichte je ein Zehn-Fahrten-Abonnement der SBB nach Zürich und Basel. Dort erschlossen in der ETH, beziehungsweise der medizinischen Bibliothek Kataloge auf Mikrofilmen, Bände von Fachzeitschriften und Fotokopierapparate den Zugang zu aktuellen Informa-tionen.

Allerdings zeichnete sich schon damals die IT-Recherche ab: Lockheed Informa-tion Retrieval Service LRS stellten in den USA ganze Bibliotheken zu vergleichsweise günstigen Bedingungen zur Verfügung. Die Datenübertragung erfolgte für die damalige Zeit preisgünstig über gemeinsam genutzte Verbindungen, grösstes Hindernis war indessen die PTT. Sie schrieb als Monopolbetrieb vor, welche Modems eingesetzt werden durften und verlangten für ein 9600 b/s-Modell exorbitante Mietgebühren. Die Umgehungsmöglichkeit boten Akustik-koppler: sie zwitscherten die Informationen am Monopol vorbei ins Telefonnetz, allerdings nur mit dem atemberaubenden Tempo von 300 bit/s. Die Übertragung der Ergebnisse benötigte deshalb etliche Zeit, welche indessen durch die rationellere Suche aufgewogen wurde und erst noch eine Kaffeepause erlaubte. Dass die Standardisierung von Analysenvorschriften und deren Verfügbarkeit im Internet ebenso wie die Publikation der gesamten Gesetzessammlung weiter zur Steigerung des Datenvolumens beigetragen hat, braucht sicher keiner weiteren Erläuterung.

Datenexplosion 4: Informationsaustausch. Die Verbreitung von Berichten und Ergebnissen beschränkte sich in der Vergangenheit allgemein auf die schriftliche Form per Fachzeitschriften, Briefpost, in Einzelfällen per Express oder mit telefonischen Auskünften.

Ein Meilenstein für die Verbreitung von Informationen im Allgemeinen und Ana-lysenergebnissen im Besonderen stellte die flächendeckende Versorgung mit Telefax dar. Mit dem Fax war der Tagesrhythmus Posteingang – Triage – Verarbeitung nach Prioritäten – Postausgang Geschichte: ein Fax konnte das gesamte Arbeitsprogramm über den Haufen werfen. Die schnelle Verbreitung von Analysenresultaten erwies sich 1985 beim Frostschutzmittelskandal der Österreicher Weine als sehr hilfreich: innert Kürze konnten, allerdings durch Abschrift, Listen der negativ getesteten Weine erstellt und zur Verfügung gestellt werden. Beim Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahr 1986 zeigten sich klar die Grenzen der vorhandenen Mittel. Was heute mit einer laufend aktualisierten Internetseite problemlos möglich ist, war damals nicht einmal vorstellbar: die zeitverzugslose Wei-tergabe aktueller Informationen an breite Kreise. Die Folge waren unklare Kompetenzen, überlastete Telefonleitungen und ein Wirr-Warr bezüglich Lagebeurtei-lungen. Dementsprechend gestaltete sich die Information der Öffentlichkeit und die Verfügung von Massnahmen zumindest in einer Anfangsphase chaotisch. Folge waren grundlegende Reorganisationen des Krisenmanagements und weitere Verbesserungen, die sich, kombiniert mit neuen Kommunikationsmitteln, bei späteren Ereignissen positiv auswirkten.

Datenexplosion Nr. 4: Globalisierung und Netzwerke. Vom 1. bis 5. Oktober 1962 fanden sich die Vertreter von 44 Ländern und 24 Organisationen in Genf ein, um den Codex Alimentarius aus der Taufe zu heben. FAO und WHO hatten beschlossen, diese gemeinsame Organisation für die Schaffung von Lebensmittelstandards zu gründen, wobei die Zielsetzung wie folgt festgehalten wurde: «A food standard amis at ensuring the marketing of a sound, wholesome product, correctly labelled and presented». Als erster Chair wurde der Schweizer Dr. E. Feisst gewählt. Die erste Codex-Konferenz fand knapp ein Jahr später in Rom statt, als Gründungsjahr gilt damit 1963. Die Organisation entwickelte sich stetig und gewann 1995 erheblich an Gewicht: Die WTO erklärte die Standards bei Streitschlichtungsverfahren für verbindlich. Inzwischen tagen Vertreterinnen und Vertreter von 188 Ländern und der EU an den Konferenzen der Kommission, in 16 Komitees, in über 70 elektronischen Arbeitsgruppen und einer Task Force. Die Datenmenge, welche jährlich erarbeitet wird, ist eindrücklich: laufend werden 220 Standards fortgeschrieben, dazu kommen 78 Leitlinien und diverse Datenbanken.

Inzwischen haben sich zahlreich weitere Netzwerke entwickelt, so etwa das der EFSA, welche nicht nur über 470 Stellen verfügt, sondern weit vernetzt ist: ihr Beirat setzt sich aus Vertretern der Mitgliedstaaten sowie aus Beobachtern der Schweiz, den Balkanstaaten und der Türkei zusammen. Im Weiteren hat die Behörde ein Expertennetzwerk mit 351 Organisationen in 31 Ländern aufgebaut. Allein die EFSA veröffentlicht wöchentlich 10 Publikationen zum Thema Lebensmittelsicherheit.

Datenexplosion Nr. 5: «Keiner zu klein, Experte zu sein». Mein erster Kontakt mit Lebensmittelsicherheit war in den 50er-Jahren das Wunschkonzert von Radio Beromünster. Eingebettet zwischen Schlager, Folklore und dem klassischen Teil gab jeweils der «Briefkastenonkel» Auskunft auf Hörerfragen. Betrafen sie Lebensmittel, so wurde der damalige Kantonschemiker, E. Refardt, beigezogen. Wenn er erklärte, dass die Papierumwicklung von Orangen keine Schadstoffe an die Schale abgeben und diese ohne Bedenken in einen Konfekt-Teig geraffelt werden kann, gab es keine Zweifel: was am Radio von einem so kompetenten Fachmann erläutert wurde, galt als wahr und richtig.

Inzwischen haben sich die Zeiten allerdings geändert: Es wimmelt von selbst ernannten Expertinnen und Experten, die in entsprechenden «Kompetenzzentren» ihre Weisheiten Verbreiten. So gibt es beispielsweise die Dr. Rath Health Foundation, welche den «freien Zugang zu Naturheilverfahren» fordert und ein Stopp des Codex Alimentarius verlangt, weil dieser im Solde der Pharmaindustrie die Menschheit krank mache. Raths Absicht, in der Schweiz eine Volksinitiative für Vitaminfreiheit unter Beizug des PR Fachmanns Stöhlker und namhafter Politiker zu starten, konnten wir 2004 zum Glück verhindern.

Weniger erfolgreich verliefen die Auseinandersetzungen rund um die Gentechno-logie. Auf Verlangen des Parlaments wurde das Nationalfondsprojekt 59 mit einem Volumen von 12,5 Millionen Franken und unter Beizug von über 30 Expertinnen und Experten (darunter auch Nobelpreisträger Prof. Dr. Werner Arber) lanciert. Ziel war, Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen auf einer wissenschaftlich soliden Basis aufzuzeigen. Das Ergebnis lautet, dass es gilt, Chancen zu nutzen, Risiken zu vermeiden und Kompetenzen zu erhalten.

Das Gutachten zeigt auf, dass allfällig negative Auswirkungen auf die Umwelt in den Anbaugebieten nicht Folge der Gentechnik, sondern einer unsachgemässen Landwirtschaft sind. Ferner sind trotz langzeitigem Einsatz keine negativen gesundheitlichen Beeinträchtigungen festgestellt worden. Dem hielten einige Votanten und Votantinnen unter anderem in der letzten Gen-Lex Debatte des Nationalrats entgegen, mit GVO-Kulturen sei eine besonders umweltbelastende Landwirtschaft verbunden («Pflanzen werden mit Herbiziden geduscht»), dass die gesundheitlichen Langzeitauswirkungen immer noch nicht genügend abgeklärt seien, dass die ETH betreffend der Auswirkungen der Gentechnologie «blind» sei. Schliesslich wurde beschlossen, das Gentech-Moratorium um weitere 4 Jahre bis 2021 zu verlängern. Es hat sich gezeigt, dass das postfaktische Zeitalter in der Schweiz bereits 2016 angekommen ist und die Landwirtschaft ihre Rückständigkeit bezüglich GVO weiterhin als besonderes Qualitätsmerkmal anpreisen kann.

Ein weiteres Beispiel für «politische Expertise» bietet die Auseinandersetzung um Glyphosat: obwohl die EFSA, das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung und ein Fachgremium der WHO nebst zahlreichen weiteren Institutionen zum Schluss kam, dass Glyphosat nicht krebserregend ist, hielten politische Debatten an und letztlich musste sich die deutsche Bundeskanzlerin dafür rechtfertigen, dass der Landwirtschaftsminister die Zustimmung für eine 5-jährige Verlängerung der Zulassung erteilt hatte. Echokammern im Internet, Suchfunktionen mit unbekannten Algorithmen und Lexika mit nicht identifizierbarer Autorenschaft führen zu einer Vervielfachung der Flut nicht nachvollziehbarer Informationen bei Auseinandersetzungen. Anscheinend ist der Lebensmittelbereich besonders von dieser Entwicklung betroffen, bis jetzt ist jedenfalls nicht bekannt, dass in einem Parlament über die Dicke der Tragseile von Schwebebahnen diskutiert worden wäre. Aber vielleicht ist es einfach eine Frage der Zeit, bis auch auf diesem Gebiet eine Diversifizierung der Expertinnen und Experten auftritt.

Die grosse Datenexplosion steht allerdings noch bevor. Die Entwicklung seit der Gründung der Zeitschrift «Lebensmittel-Technologie» ist wohl ein sanfter Vorgeschmack auf die Entwicklung, die auf uns zukommt. Nachfolgend eine nicht abschliessende Liste entsprechender Trends: Im Bereich Analytik boomen Schnellanalyse-Verfahren, die einfach und preisgünstig vor Ort durchführbar sind.

Chemical Abstracts geht davon aus, dass sich die Zahl neu registrierter Substanzen massiv erhöhen wird: waren es während der letzten 50 Jahren 100 Millionen, geht man von 650 Millionen im nächsten halben Jahrhundert aus. Parallel dazu ist die Entwicklung der Informatik absehbar, um mit diesen Datenmengen umzugehen: Quantencomputer stehen vor dem Durchbruch, auf der Software-Seite sind «intelligente» Systeme in Entwicklung, welche die Analyse grosser Datenmengen erlauben. Schnellere und billigere Genanalysen sowie die CRISPR/Cas-Methode sind wohl ein Anfang für eine weitere Beschleunigung der Fortschritte auf dem Gebiet der Gentechnologie.

Vertiefte Kenntnisse des Atlas der Zellen werden zusätzlich neue Einsichten für den Gesundheitsschutz gestatten. Roboter-Landwirtschaft bietet unter anderem die Möglichkeit, Daten über einzelne Pflanzen zu sammeln und deren Herkunft bis zur kleinsten Parzelle zurück zu verfolgen. Kurz: es stehen spannende Zeiten bevor.

Die Zeitschrift «Lebensmittel-Technologie» brauchen wir auch in Zukunft! Die LT hat in den letzten 50 Jahren bewiesen, dass sie den Weg durch das sich rasant verändernde Umfeld erfolgreich bewältigt hat und über Qualitäten verfügt, die auch in Zukunft gefragt sind: die Selektion und konzise Darstellung relevanter Themen wird im sich abzeichnenden Datenwust noch wichtiger, selbst gestaltete und Hinweise auf Ausbildungsangebote werden in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Die absehbaren Entwicklungen rufen auch nach einer Plattform für Meinungs- und Erfahrungsaustausch: die Lebensmittelindustrie hat bezüglich Interessenvertretung durchaus noch Entwicklungspotential. Wichtiger als all dies ist aber letztlich die in während einem halben Jahrhundert gelebte Partnerschaft und das dadurch entstandene Vertrauensverhältnis zwischen Redaktion und den Fachleuten der Branche. In diesem Sinne: vielen Dank für die gute Zusammenar-beit und alles Gute für die Zukunft!