Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 05/2018, 08.05.2018

«Arbeitssicherheit ist Chefsache»

Wo mit Maschinen hantiert wird, geht es an Produktionsstätten der Lebensmittelbranche bisweilen laut zu und her. Zudem gilt es in diesem Sektor, die Hygienevorschriften genauestens einzuhalten. Deshalb ist es wichtig, die richtige persönliche Schutzausrüstung (PSA) zu verwenden. Urs Germann, Vizepräsident des Verbands der PSA-Anbieter swiss safety, erklärt, worauf man dabei achten muss.

Autor: Interview: Julia Konstantinidis

Urs Germann, wie schützt man sich bei der Arbeit richtig?

Urs Germann: Das ist von Branche zu Branche und von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich. Werden in einer Produktionsstätte gefährliche Chemikalien verwendet, ist diesem Umstand Rechnung zu tragen. Andernorts existieren vielleicht verschiedene Hygienezonen, die eingehalten werden müssen.

Welche Regelungen gibt es speziell für die Lebensmittelbranche?

In Betrieben der Foodbranche nimmt der Sicherheitsbeauftragte eines Betriebs standardmässig eine Risikoanalyse vor und bestimmt aufgrund dieser den nötigen Arbeitsschutz. Das Lebensmittelgesetz liefert hierzu eine klare Reglementierung. Auch das Produktsicherheits- und das Maschinensicherheitsgesetz setzen diesbezüglich Leitplanken. Zudem bietet die SUVA einen branchenspezifischen Risikocheck an.

Wie kompatibel ist unsere Gesetzeslage mit derjenigen im Ausland?

Die Schweiz hat sich in diesen Bereichen vollumfänglich der EU-Gesetzgebung angeschlossen, da oft über Grenzen hinweg produziert und gehandelt wird. Aussereuropäisch tätige Unternehmen müssen entsprechende länderspezifische Standards erfüllen, dürfen aber die hiesigen gesetzlichen Normen nicht unterschreiten.

Was sind die häufigsten Fehler, die bei der Arbeitssicherheit begangen werden?

Dass man die Arbeitssicherheit nicht ernst nimmt. Oft wird bei der persönlichen Schutzausrüstung (PSA) gespart, etwa, indem man ein günstiges Schuhmodell dem teureren vorzieht. Dass der teure Schuh jedoch über ein besseres Fussbett verfügt und so langfristig Fuss- oder Rückenschmerzen verhindert, wird ausser Acht gelassen. Wird aus Spargründen schlechtes Material verwendet, sind Arbeitsausfälle und Arztbesuche die Folge. Ein solches kurzsichtiges Vorgehen verursacht letztlich mehr Kosten als eine qualitativ hochstehende Sicherheitsausrüstung.

Worauf muss man bei der Beschaffung der PSA achten?

Grundsätzlich müssen die Ausrüstungsteile gemäss den Standards der EN-Normen zertifiziert sein. Alle Mitarbeitenden sollen zudem ihre eigene PSA haben. Das bedeutet, dass genügend Material vorhanden sein muss, um die Arbeitnehmenden damit zu versorgen – das gilt übrigens auch für temporär Angestellte. Dort, wo Massanfertigungen möglich sind, sollte man in diese investieren. Denn eine gut sitzende, bequeme PSA motiviert die Mitarbeitenden, diese auch tatsächlich zu tragen.

Die Kosten für die PSA dürften jedoch oft ein Knackpunkt bei der Beschaffung sein …

… bei der Qualität sollte man dennoch nicht sparen. Vielmehr kann man sich überlegen, ob eine auf den ersten Blick teurere Lösung unter dem Strich nicht günstiger ist: In Betrieben mit einer tiefen Mitarbeiterfluktuation etwa kann es sich auszahlen, einen individuell angepassten Gehörschutz zur Verfügung zu stellen. Dieser hat eine längere Lebensdauer und einen höheren Tragkomfort als Standardprodukte. Mittels einer exakten Analyse lässt sich zudem feststellen, ob alle Mitarbeitenden einer Abteilung tatsächlich dieselbe PSA benötigen. Je nach Aufgabe innerhalb eines Arbeitsbereichs ist nicht für alle derselbe Schutz erforderlich.

Wer ist in einem Betrieb für die PSA zuständig?

Das ist Chefsache. Am Schluss ist die Geschäftsleitung für die Sicherheit der Mitarbeitenden verantwortlich. Deshalb sollten Führungspersonen die Situation vor Ort immer kennen. Für die Beschaffung der PSA ist der Sicherheitsbeauftragte zuständig. Um sich mit der Materie auseinandersetzen zu können, ist es unabdingbar, dass er von seinen Vorgesetzten dafür auch genügend Zeit erhält.

Swiss safety hat zehn Regeln rund um die PSA aufgestellt. Zwei davon stellen die wiederholte Instruktion respektive die regelmässige Pflege der PSA ins Zentrum. Wie kann solches im hektischen Arbeitsalltag zuverlässig eingehalten werden?

Diese Punkte werden am besten in den Betriebsprozess integriert: Neue Mitarbeitende etwa werden routinemässig in die Verwendung der PSA eingeführt. Oder der PSA-Lieferant kommt einmal jährlich zur Kontrolle vorbei. Für die regelmässige Überprüfung der PSA ist oft auch der Abteilungsleiter verantwortlich. Deren Schulung durch die Sicherheitsbeauftragten eines Unternehmens sollte ebenfalls standardmässig erfolgen.

Für die Schulung oder die regelmässige Kontrolle der PSA benötigen Sicherheitsbeauftragte allerdings auch Inputs, die sie an die Belegschaft weitergeben können …

Swiss safety hat eine Toolbox erarbeitet, die solche Gedankenanstösse liefert. Der «Werkzeugkasten» enthält Themen und Fragen zur PSA, welche die Sicherheitsbeauftragten mit den Mitarbeitenden diskutieren können. Dabei entstehen vielfach interessante Gespräche, im Rahmen derer die Sicherheitsbeauftragten wertvolle Informationen zur PSA von den Mitarbeitenden erhalten.

Wo erhalten wiederum Unternehmen oder Sicherheitsbeauftragte Unterstützung bei Fragen zur PSA?

Für jede Branche gibt es bei der SUVA spezifische Sicherheitsberater. Auch swiss safety bearbeitet Anfragen. Zudem bieten viele auf eine bestimmte Branche spezialisierte PSA-Berater ihre Dienste an. Und schliesslich organisieren die Hersteller von PSA-Ausrüstungsteilen regelmässig Informationsveranstaltungen.

Mit welchen Trends und Themen kann sich ein Betrieb auseinandersetzen, wenn er sich auf dem neusten Stand in Sachen PSA halten möchte?

Ein wichtiger Trend sind sicherlich die sogenannten «Custom-Lösungen», bei denen die PSA auf den jeweiligen Betrieb und die Abteilungen massgeschneidert werden. Dann hält auch die Digitalisierung Einzug: Immer öfter werden Kleider mit Sensoren ausgestattet, die bei abweichendem Verhalten des Trägers Alarm auslösen – etwa, wenn dieser bewusstlos wird. Überdies wurden Automaten entwickelt, von denen Mitarbeitende ihren Arbeitsschutz beziehen können. Der Verbrauch wird registriert und lässt so Rückschlüsse darauf zu, welche Produkte besonders häufig genutzt werden – und wo die Verwendung vernachlässigt wird.

www.swiss-safety.ch
www.suva.ch



«Am Schluss ist die Geschäftsleitung für die Sicherheit der Mitarbeitenden verantwortlich», sagt Urs Germann, Vizepräsident des Verbands der PSA-Anbieter swiss safety. (Bild:zvg)

Urs Germann (50)...

... ist Experte für Gehörschutz und Inhaber der Audio Protect AG in Geroldswil/ZH. Er ist Vorstandsmitglied und Vizepräsident des Branchenverbands der führenden Hersteller und Importeure von persönlichen Schutzausrüstungen (PSA), swiss safety.