Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 06/2018, 12.06.2018

Vertikale Indoor-Farmen als Kundenmagnet

Die sanft lila strahlenden Gewächshaustürme in der Obst- und Gemüseabteilung fallen auf. Sie verlocken die Kunden, näher heranzugehen und stehenzubleiben. Auf mehreren Ebenen übereinander wachsen hier von LED-Lampen bestrahlte Küchenkräuter.

Autor: Astrid Thomsen Freie Journalistin

Frische Kräuter sind erst mal nichts Ungewöhnliches in einer Gemüseabteilung. Neu ist, dass diese Pflanzen im Hydroponik-Verfahren direkt am Verkaufsstandort in so genannten Indoor-Farmen aufgezogen werden.

Auf den einzelnen Pflanzebenen stehen kleine Plastiktöpfe, in denen die Sämlinge auf einem Schwamm aus Kokosfasern aufwachsen. Von aussen unsichtbar sind die Wurzeln der Pflanzen, die unterhalb der Töpfe in eine Schale mit Nährlösung hinein wachsen. Infarm-Mitarbeiter ernten die Kräuter mitsamt Topf und Wurzelballen und stellen sie dann vor das Gewächshaus in ein Verkaufgefäss mit Wasser, in dem sie tagelang frisch bleiben. Hier können sich die Kunden dann selbst bedienen.

Wachsendes Business

Dieses System hat die Berliner Firma Infarm entwickelt, die 2013 als Start-up gegründet wurde. Aus der anfänglichen Wohnzimmertüftelei wurde ein schnell wachsendes Business mit anfänglich zwei Investoren und einer EU-Förderung von 1,9 Mio. Euro. Die drei Gründer Erez Galonska, Guy Galonska und Osnat Michaeli sind die Geschäftsführer mit inzwischen über 100 Angestellten. Die Firma hat 29 Eigentümer mit Wohnsitzen in Deutschland, Israel, Island, Frankreich, der Schweiz, Japan, USA, Luxemburg und Guernsey. Durch Investoren wurde das Firmenkapital im Frühjahr 2018 noch mal um 20 Mio. Euro aufgestockt.

Das Unternehmen bietet die Bewirtschaftung der Indoor-Farmen als Servicepaket an. Kunden sind zum Beispiel Restaurants, Hotels und Lebensmittelmärkte. Gegen eine monatliche Gebühr stellt das Unternehmen selbst gebaute Gewächshäuser an den jeweiligen Standort und bepflanzt sie mit Sämlingen aus eigener Produktion. Zwei- bis dreimal wöchentlich werden diese Pflanzen von Infarm-Mitarbeitern gepflegt und später auch geerntet. Der ursprüngliche Plan, dass die Angestellten der Supermärkte oder Restaurants die Pflege und Ernte der Pflanzen übernehmen, wurde aus hygienischen Gründen nicht verwirklicht. In diesen Gewächshäusern können, je nach Kundenwunsch, Salate, Kräuter wie zum Beispiel Bergkoriander, mexikanische Minze, Thai-Basilikum, Riesen-Basilikum, Bordeaux Basilikum und Gemüsepflanzen, die so genannten Microgreens, gezogen werden. Die Farm-Module sind in unterschiedlichen Ausführungen verfügbar. Ein Modul mit einer Grundfläche von zwei Quadratmetern und sieben Ebenen hat eine Höhe von 3,70 m. Hierin können pro Monat 800 Salatköpfe zu 100 g oder 1200 Kräuterpflanzen produziert werden. Der Stromverbrauch beträgt für eine Einheit dieser Grösse 1,5 kWh. Nachts wird die Beleuchtung von 22 bis 6 Uhr abgeschaltet.

Zentrale in Berlin

Infarm kontrolliert und steuert per Internet von ihrer Zentrale in Berlin aus sämtliche Farm-Einheiten, die in Betrieb sind. Inzwischen sind diese auch über IoT-Technologien miteinander vernetzt. So hat die Firma einen Überblick, wo wie viele Pflanzen in welcher Grösse vorhanden sind. Die dafür nötige Technik ist in einem Kasten im Sockel des Gewächshauses untergebracht. Wasser- und Stromanschluss werden von den Märkten geliefert. Die einzelnen Ebenen in der Farm sind durch Bewässerungs- und Stromleitungen miteinander verbunden. Über Sensoren werden die Lichtmenge, das Lichtspektrum, Temperatur, Nährstoffversorgung, der pH-Wert des Wassers und die Belüftung gemessen und gesteuert. Besonders der Geschmack, die Farbe der Pflanzen und die Wuchsgeschwindigkeit lassen sich über das Licht steuern. Das nährstoffhaltige Wasser wird zweimal im Monat gewechselt. Wasser und Luft strömen durch Filter, um unerwünschte Keime abzuhalten. Es gibt automatisierte Alarmsysteme zum Wasserzufluss und -stand und der Wassertemperatur. Pestizide kommen nach Auskunft der Firma nicht zum Einsatz. Als Gegenleistung für die gezahlte Pauschale und den gelieferten Strom erhalten die Infarm-Kunden die gewünschte Menge an Pflanzen und verkaufen diese mit eigener Preisgestaltung. Ausserdem nutzen sämtliche Infarm-Kunden das Infarm-Motto «nachhaltig, frisch, regional und pestizidfrei» für eigene Werbemassnahmen.

Die Kunden

Zur Zeit gibt es etwa 50 Standorte mit den Farm-Modulen in Berlin und einen bei Makro in Antwerpen. Nach Auskunft von Infarm wird ein weiterer in Barcelona vorbereitet. Zur Zeit gibt es zwei Lebensmittel-Einzelhandel-Kunden, die das Angebot des Kräuteranbaus nutzen. Das sind einige Berliner Edeka-Märkte und -Center und die Metrofiliale Cash & Carry in Berlin-Friedrichshain. Edeka ist seit 2017 Kunde und nimmt für die hydroponisch gezogenen Pflanzen den selben Preis wie vergleichbare Kräuter im Markt kosten. Im Moment liegt der bei 1,29 Euro für eine Gewürzpflanze mit etwa 15 g Frischgewicht, ohne Wurzelballen. Edeka hat Pläne, dieses System auch in andere Märkte des Geschäftsgebietes der Edeka Minden-Hannover aufzunehmen. Neue Standorte werden in Ballungsgebieten und Grossstädten sein. Das Sortiment soll kurzfristig noch um Salat erweitert werden.

Metro arbeitet seit 2016 mit Infarm zusammen und hat für diese Kräuter einen etwas höheren Verkaufspreis als für ähnliche Angebote im Markt. Die hier auf fünf Quadratmetern von Infarm produzierten Kräuter wie zum Beispiel Thai-Basilikum, Griechisches Basilikum und Bergkoriander sind im normalen Metro-Angebot nicht erhältlich und von den Kunden aus der Gastronomie nachgefragt. Als Vorteile für das «Instore-Farming» nennt Metro den Schutz für diese besonders sensiblen Produkte vor Transportausfall oder ungünstiger Witterung, die erstklassige, gleichbleibende Produktqualität und den intensiven Geschmack der Pflanzen. Trotzdem möchte Metro dieses Angebot nicht auf andere Märkte ausweiten. Gründe nennt Metro nicht.

Ungelöste Probleme

Es gibt für das Infarm-System noch einige bis jetzt ungelöste Probleme, die von der Firma teilweise auch selbst so genannt werden. Da ist zunächst einmal die Wirtschaftlichkeit dieser Produktion. Ausserdem ist die werbewirksame Aussage, dass durch die Vor-Ort-Produktion viel an CO₂ eingespart werden kann, durch die häufigen Fahrten zu den Farmen gemindert, der Pflanzenverkauf in Plastiktöpfen produziert viel Müll und der Stromverbrauch durch die LEDs ist hoch. Infarm hatte es als erstes Indoor-Farm-Unternehmen geschafft, ein Global G.A.P.-Zertifikat zu bekommen. Dieser Qualitätsnachweis, der für den Lebensmitteleinzelhandel wichtig ist, wurde der Firma im Februar 2017 von dem SGS Institut Fresenius verliehen. Es ist im Januar 2018 ausgelaufen. Infarm arbeitet aktuell an einer Re-Zertifizierung.

Infarm www.infarm.de



Die Wurzeln der Pflanzen wachsen unterhalb der Plastiktöpfe in eine Schale mit Nährlösung hinein.


Infarm-Mitabeiter ernten die Kräuter mitsamt Topf und Wurzelballen und stellen sie dann vor das Gewächshaus in ein Verkaufsgefäss mit Wasser. (Bilder: Astrid Thomsen)