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Nachfrage nach Mehl stagniert

Eigentlich stagniert die Nachfrage nach Mehl in der Schweiz seit Jahren, doch während des Lockdowns schienen alle zu Hause selber zu backen.
Bild: Joanna Lopez on Unsplash

Weil wir weniger Brot essen als früher, kämpfen die Müllereibetriebe mit Absatzproblemen. Seit Jahren sehen viele Betriebe keinen anderen Weg, als aufzugeben.

Eigentlich stagniert die Nachfrage nach Mehl in der Schweiz seit Jahren. Doch während des Lockdowns im vergangenen Frühjahr schienen viele Haushalte auf einmal nicht genug Mehl bekommen zu können. Die Einkilopackungen mit Ruch-, Halbweiss- oder Weissmehl fanden reissenden Absatz, schreibt die «NZZ».

Hamsterkäufe im Frühjahr

In den Schweizer Mühlen absolvierten die Beschäftigten Sonderschichten. «Vielerorts wurde an sieben Tagen die Woche in drei Schichten produziert», hält der Dachverband Schweizerischer Müller (DSM) fest. Der Effort zahlte sich, wie im jüngsten Jahresbericht der Vereinigung ebenfalls nachzulesen ist, ganz offensichtlich aus: «Mehl war zu keinem Zeitpunkt ein knappes Gut in der Schweiz!»

Seit 2015 hatte die Gesamtmenge des vermahlenen Brotgetreides in der Schweiz laut dem Branchenverband DSM jeweils bei rund 460‘000 Tonnen gelegen. Im zurückliegenden Geschäftsjahr, das die erste Hälfte von 2020 einschliesst, stieg sie jedoch wegen der Hamsterkäufe vom Frühjahr um 2,5% auf über 470‘000 Tonnen. Beim DSM geht man von einem einmaligen Effekt aus. Statt Wachstum dürfte in den kommenden Jahren weiterhin Stagnation oder gar ein leichter Rückgang angesagt sein. Dies hat vor allem mit den sich verändernden Ernährungsgewohnheiten zu tun. Der Speisezettel der Schweizer Bevölkerung ist in den vergangenen Jahrzehnten immer vielfältiger geworden, weshalb weniger Brot nachgefragt wird.

Teiglinge verderben das Geschäft

Zudem macht den Schweizer Getreidemühlen der steigende Import von Teiglingen zu schaffen. Die Zölle, die auf dieser Warenkategorie anfallen, sind deutlich niedriger als bei Mehlen. Um den Absatz von einheimischer Ware gegen ausländische Konkurrenz zu schützen, werden auf Mehlen ebenso wie beim Brotgetreide hohe Abgaben bei der Einfuhr in die Schweiz erhoben. Bei Teiglingen können hiesige Bäckereien oder Tankstellenshops, die ebenfalls Brot und andere Backwaren aufbacken, hingegen deutlich günstiger auf Importprodukte ausweichen. Je mehr Teiglinge aus dem Ausland zum Einsatz gelangen, desto weniger einheimisches Mehl wird benötigt.

Trotz Heimatschutz plagen Schweizer Mühlen seit Jahren Überkapazitäten. Bei Massenprodukten wie Weiss- oder Halbweissmehl herrsche ein intensiver Preiswettbewerb, sagt Philipp Marquart, Produktionsleiter und Verantwortlicher für den Vertrieb beim Müllereibetrieb Willi Grüninger in Flums. Die schwierige Marktsituation zwingt Jahr für Jahr weitere Anbieter, den Betrieb einzustellen. Die Frage, ob man weitermachen wolle oder nicht, stelle sich besonders beim Generationenwechsel in der Leitung der oft familiengeführten Mühlen, sagt Hansjörg Haldner, der bei Bühler, dem weltgrössten Hersteller von Müllereianlagen, den Schweizer Absatzmarkt betreut. Finde sich kein Nachfolger, falle der Entscheid zur Einstellung des Betriebs oder zum Verkauf an einen Konkurrenten leichter.

Laut der Mitgliederstatistik des DSM gab es Mitte der 1950er Jahre noch fast 300 Mühlenunternehmen in der Schweiz. Inzwischen ist ihre Zahl auf 45 gefallen, wobei sich die drei führenden Betriebe, Swissmill, Groupe Minoteries und Stadtmühle Schwenk, rund 70 Prozent der verarbeiteten Getreidemenge teilen. Auf die Gruppe der sieben grössten Müllereibetriebe, zu denen auch Willi Grüninger zählt, entfallen fast 90 Prozent.

Das «Mühlensterben» ist allerdings beileibe kein rein schweizerisches Phänomen. In verschiedenen europäischen Ländern fällt die Marktkonzentration noch ausgeprägter als hierzulande aus. Allein in den vergangenen zehn Jahren sind europaweit über 700 Müllereibetriebe verschwunden.

Zur Konsolidierung trägt auch die zunehmende Automatisierung in den Mühlen bei. Sie wird von Anlagenbauern wie Bühler vorangetrieben. So ermöglicht das Uzwiler Unternehmen seinen Kunden neuerdings beispielsweise, die Temperaturen und Vibrationen in den Walzenstühlen, wo das Korn zwischen rotierenden Walzen aufgebrochen und zerrieben wird, permanent zu überwachen. Dank dieser automatischen Beaufsichtigung können die Anlagen auch nachts, ohne Personaleinsatz, ununterbrochen arbeiten. Ein Mitarbeiter muss dann nur noch ausrücken, falls eine bedeutende Abweichung von der Norm vorliegt und sich das Problem nicht mittels Knopfdruck auf seinem Handy beheben lässt.