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Newskolumne

Normen lernt und lehrt man am besten mit Fallbeispielen

Lebensmittel haben eine grosse Bedeutung in unserem Leben. Angefangen von der Produktion, der Herstellung sowie der Veredelung bis hin zum täglichen Genuss. Aus naheliegenden Gründen und zum Wohle unserer Gesundheit regeln zahlreiche Rechtsvorschriften und Normen diese Bereiche. Studierende der Lebensmitteltechnologie kommen bereits ab dem ersten Ausbildungsjahr mit ihnen in Berührung. Wir haben mit Frau Dr. Evelyn Kirchsteiger-Meier gesprochen, die an der ZHAW in Wädenswil doziert, die Fachgruppe QM und Lebensmittelrecht leitet sowie zu diesen Themen auch forscht und publiziert.

Wann kommen die Studierenden das erste Mal in Berührung mit den Normen?
Bereits im zweiten Semester. Lea Leibundgut, Programme Manager der SNV, besucht den Studienlehrgang und gibt von Expertenseite her eine Einführung in das Thema Normung. Dabei geht es unter anderem um die Bedeutung der Normen oder die Abgrenzung zwischen Normen und Recht. Nach dieser Einführung ist dem Thema Normen wöchentlich eine Unterrichtseinheit gewidmet und im Bereich praktisches Arbeiten gehen wir auf die Normen und deren Deutung sowie Anwendung ein.

Welche Inhalte bilden den Schwerpunkt bei der Ausbildung?
Drei Pfeiler sind relevant in meinem Unterricht: Lebensmittelrecht, Lebensmittelsicherheit und Qualitätsmanagement. Im Bereich Lebensmittelrecht ist das Orientierungswissen sowie die Abgrenzung zwischen Normen und den Rechtsvorschriften zentral. Studierende müssen wissen, was bindende Rechtsvorschriften sind und was normativ geregelt ist. Im Bereich Sicherheit steht unter anderem die Norm SN EN ISO 22000 im Vordergrund, diese verlangt ein Managementsystem für Lebensmittelsicherheit. Und die SN EN ISO 9001 bildet die Basis für ein branchenübergreifendes und etabliertes Qualitätsmanagementsystem. Je nach späterer Funktion und Unternehmensgrösse spielen die einzelnen Elemente eine wichtigere Rolle oder nicht.

Wohin führt es die Studierenden nach ihrem Abschluss und welches Normenwissen benötigen sie in der Praxis?
Nach dem Bachelorabschluss stehen viele Wege offen: von der Lebensmittelproduktion bis zu Positionen bei den entsprechenden Behörden. Die Bedeutung von Rechtsvorschriften und Normen in der Praxis ist sehr hoch. Viele der Betriebe, in denen unsere Studierenden arbeiten, sind nach einer Norm oder einem Standard zertifiziert. Ein Zertifikat ist für viele unumgänglich, wenn sie marktfähig operieren und international Geschäfte tätigen wollen. Für den Export in die unterschiedlichen Absatzgebiete sind zusätzlich Normen und Recht der importierenden Länder zu beachten. So ist beispielsweise Deutschland sehr aktiv im Bereich Lebensmittelhygiene und kennt eigene DIN-Normen. Weiter gibt es auf Stufe UNO den «Codex Alimentarius», der den fairen Handel mit Lebensmitteln auf internationaler Ebene regelt und dabei die Gesundheit der Verbraucher in den Mittelpunkt stellt. Als Dozentin ist es mir sehr wichtig, dass die Studierenden bereits in der Ausbildung einen Überblick über die nationale sowie internationale Regulierungs- und Normenlandschaft erhalten.

Wo liegt die grösste Herausforderung bei der Wissensvermittlung von Normen?
Normen einfach von A bis Z durchzuarbeiten bringt didaktisch wenig. Es geht darum, den Studierenden den Praxisbezug und die damit verbundene Denkweise im Umgang mit Normen aufzuzeigen. Beispiel Lieferantenmanagement: Was muss in dieser Beziehung von der Evaluation, über die regelmässige Beurteilung bis hin zur Qualitätskontrolle der gelieferten Lebensmittel beachtet werden? Spannend und gleichzeitig herausfordernd ist es, dass Normen firmenspezifisch umgesetzt werden. Das resultiert darin, dass im Unterricht Gelerntes nicht immer 1:1 in der Praxis anzutreffen ist. Aus diesem Grund organisieren wir regelmässig Gastreferate aus der Praxis. Diese helfen den Studierenden, die Relevanz besser einzuordnen und ein Gespür für Normen zu entwickeln. Nebst den dadurch vermittelten praxisnahen Umsetzungsbeispielen, die sie so kennen lernen, lege ich viel Wert darauf, dass sie auch die Primärquellen, also den eigentlichen Normentext zu einer Anforderung, kennen.

Welche Fähigkeiten lernen Studierende nebst den reinen Normeninhalten?
Sie lernen, mit firmenspezifischen Eigenheiten umzugehen, fachlich gut zu argumentieren und auch mit Behörden und Auditoren auf Augenhöhe zu kommunizieren. Bei Zertifizierungen, Kontrollen oder auch möglichen Beanstandungen ist es wichtig, dass sie ihre Aussagen normenkonform, sachlich und geschickt begründen. Da sich die Lebensmitteltechnologie stark und schnell weiterentwickelt, bieten wir im Sinne eines Life-Long-Learnings Refresherkurse oder Inhouse-Coachings an. Weiter motivieren wir die Studierenden dazu, auch nach der Ausbildung untereinander im Austausch zu bleiben. Denn im täglichen Spannungsfeld zwischen Regulierung und Gestaltungsfreiheit hilft die Diskussion allen Teilnehmenden.

Was interessiert Sie persönlich an der Normungsarbeit und der Lehrtätigkeit im Bereich Lebensmitteltechnologie?
Ich gehe Anforderungen sehr gerne auf den Grund und die wissenschaftliche Gründlichkeit macht mir Spass. Mir gefällt die Brückenbauer-Rolle, die ich zwischen Wissenschaft und Praxis habe.

Weitere Informationen:
Bachelorstudium Lebensmitteltechnologie – ein paar Einblicke
Bachelorstudium Lebensmitteltechnologie – Vertiefung «Food Safety and Quality»

Frau Dr. Evelyn Kirchsteiger-Meier leitet die Fachgruppe QM und Lebensmittelrecht an der ZHAW in Wädenswil. Sie doziert Lebensmittelrecht, Lebensmittelsicherheit und Qualitätsmanagement und ist Gastdozentin für International Food Laws and Regulation an der Michigan State University. Innerhalb des Bachelorstudiums in Wädenswil leitet sie die Vertiefung «Food Safety and Quality». Die Biologin promovierte in Lebensmittelrecht an der Universität Bayreuth. Bei Nestlé arbeitete sie während vieler Jahre in diversen Funktionen, unter anderem als Projektleiterin Zertifizierung ISO 22000. Ihr Forschungsschwerpunkt ist das Lebensmittelrecht der Schweiz und der EU sowie das Lebensmittelhygienerecht der USA.

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